Jürgen Werner (Berlin)

Der Kyniker Diogenes als  “Rasender Sokrates”. Zu Wielands Antikerezeption[1]

Sokrates und Sokrates-Rezeption

Im Jahre 399 v. Chr.[2] wurde Sokrates hingerichtet. 2002 jährte sich sein Tod also zum 2400. Mal. Wer meinte, wir hätten diesen Jahrestag schon 2001 begehen müssen, bedenkt nicht, dass es zwar eine "Stunde Null" gibt, aber kein "Jahr Null".[3] (Ungeachtet dessen sind Jubiläen von Persönlichkeiten aus vorchristlicher Zeit im falschen Jahr gefeiert worden, so der 2000. Geburtstag Vergils 1930 statt 1931.[4])

2002 wurden eine "Sokrates-Initiative" und eine "Sokrates-Studienorga­nisa­tion" ("Sosov") gegründet, die einen Kongress in Bonn abgehalten hat; wann und wo die Vorträge publiziert werden, ist mir nicht bekannt. Aus wissenschaftlichen Aktivitäten hervorgegangen sind Publikationen wie die auf Tagungen der Sokratischen Gesellschaft Mannheim zurückgehenden "Sokrates-Studien";[5] anderes ist in "Année philologique" unter "Socrates philosophus" verzeichnet. (Es gibt auch einen gleichnamigen Kirchenhis­toriker.) – Das Sokrates-Programm der EU hat den athenischen Philosophen lediglich als Namenspatron.

Im Zusammenhang mit dem Sokrates-Jahr hat ferner eine Flut populärwissenschaftlicher Bücher das Licht der Buchhandlungen erblickt (gelesen habe ich sie durchweg nicht), so: "Vorne fallen die Tore. Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler";[6] "Sokrates flankt. Eine kleine Philosophiegeschichte des Fußballs";[7] "Was sagst du zur Rechenschwäche, Sokrates?";[8] "Pippi und Sokrates. Philosophische Wanderungen durch Astrid Lindgrens Welt";[9] "Jenseits von Pu und Böse. Der Bär von enormem Verstand und die Philosophie";[10] "Das Lexikon der prominenten Selbstmörder [...] Sokrates";[11] "Xanthippe und Sokrates. Eros, Ehe, Sex und Gender im antiken Athen. Ein Beitrag zu höherem historischen Klatsch";[12] "Bei Sokrates auf der Couch. Philosophie als Medizin für die Seele",[13] vom Buchhandel "zur Lebensbewältigung statt Psychotherapie oder Pillen" empfohlen; "Bei Liebeskummer Sokrates. Praktische Philosophie für den Alltag";[14] "Sokrates im Supermarkt"[15] mit dem bekannten Ausspruch des Sokrates, der über den Markt geht: "Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche!"

Man kann des bekannten Philosophen unter vielen Aspekten gedenken. Die Beschäftigung mit ihm ist dadurch schwierig, dass er keine Schriften hinterlassen hat. (Eine der zahlreichen Gemeinsamkeiten mit Jesus.) Nietzsche fand es unbegreiflich, dass Sokrates nichts geschrieben hat, wodurch er sich um das Recht, die Pflicht und das Vergnügen gebracht habe, "auf die fernste Menschheit zu wirken".[16] Wir wissen über Sokrates’ Leben und Lehre nur etwas durch seine Schüler und Enkelschüler, deren Nachrichten über die komplexe Persönlichkeit des Meisters und vor allem über seine Lehre stark divergieren. Die "wirkungsvolle Inszenierung des Sokrates durch Platon" (so Franz Dornseiff[17] in einer Vorlesung) dürfte uns den historischen Sokrates ebensowenig vorführen, wie es die Berichte Xenophons und anderer tun, eher noch weniger, oder, wie Wieland es formulierte: Platon lässt den Sokrates seine, Platons, eigene "Eier ausbrüten".[18] Gesichert sind einige Lebensdaten, z. B. die Ehe mit Xanthippe (eine Gestalt, die seit der Antike – damals durch misogyne Kyniker – überwiegend negativ beurteilt worden ist[19]), der Beruf als Steinmetz (zum Schuster Sokrates bei Brecht s. Werner 1998, 19 ff.), die Teilnahme an Feldzügen des Peloponnesischen Krieges, die Tätigkeit als Prytane (Ratsherr), mehrfaches couragiertes Auftreten gegenüber der Obrigkeit. Zu seinen Anschauungen nur so viel (darüber wie über das Biographische informiert gut Klaus Döring[20]): Stand bei den Philosophen vor Sokrates, etwa bis zur Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, die sogenannte Naturphilosophie einschließlich Astronomie im Vordergrund, so ab Sokrates der Mensch und die Gesellschaft. (Cicero zufolge hat Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt: "Socrates autem primus philosophiam devocavit e caelo et in urbibus conlocavit"[21]; das hat in der Philosophiegeschichte zur Unterscheidung von Vorsokratikern, Sokratikern, Nachsokratikern geführt.) Für Sokrates waren ethische Fragen wichtig, z. B.: Wie handelt man richtig? Durch begründetes Wissen des Guten, Richtigen, der α̉̀ρετή, der "Tugend", doch das klingt heute nach Moralin, also sagen wir lieber: der Tüchtigkeit auch in ethischer Beziehung; die Wörter "Tugend" und "Tüchtigkeit" sind übrigens miteinander verwandt.[22] Das Wissen des Richtigen zieht richtiges Handeln nach sich. Dieses Wissen ist lehrbar. Allerdings muss man es ständig im philosophischen Gespräch überprüfen, bei sich und bei den anderen, und zwar "mäeutisch", "nach Hebammen-Art" (Sokrates’ Mutter war Hebamme), indem man seine Mitbürger von selbst auf etwas kommen lässt, sie gewissermaßen nur von ihren eigenen Gedanken entbindet. (Die Hebammenmethode hat schon in der Antike Beachtung gefunden. In Aristophanes’ "Wolken" [423 v. Chr.] führt sie zu folgendem Gag: Der Bauer Strepsiades verursacht dadurch, dass er den Sokrates und seine Scholaren beim Denken stört, die "Fehlgeburt eines Gedankens" [V. 137].) Das Delphische Orakel hatte verkündet, Sokrates sei der weiseste Mensch. Sokrates erklärte daraufhin, er wisse, dass er nichts wisse; andere dagegen wüssten nicht einmal dies, dass sie nichts wissen. Es handelt sich um den berühmten "Nominativus cum participio" (NcP) oi\\\\\da oujde;n eijdwv"; er ist antik in dieser Form nicht belegt, wie so manches andere Geflügelte oder auch Geprügelte Wort; [23]es geht auf Platon, Apologie 21D zurück. Wenn Sokrates andere befragte, um zu erfahren, was sie wissen, dann tat er so, als ob er selbst überhaupt nichts wüsste. Diese Haltung des "Tun als ob" heißt ει̉ρωνεία; hier schwingt schon die Bedeutung des deutschen Wortes "Ironie" mit. Viele von Sokrates Interviewte hatten das Gefühl, er mache sich lustig über sie, und nahmen ihm diese, wie sie es sahen, Überheblichkeit übel. (Gerhart Schmidt hat es so ausgedrückt: "Sokrates [...] hat sich [...] der Ironie bedient, er war ein Meister im Aufstellen von Fettnäpfchen".[24]) – Sokrates nahm im Unterschied zu den Sophisten, von denen er sich in vielen Punkten unterschied, für seinen "Unterricht" ("Ich bin nie jemandes Lehrer gewesen") kein Honorar. Wenn Sandvoss sagt: "Für Nichtwissen zahlte man damals sowenig wie heute ein Honorar",[25] so wusste er noch nichts von den Beraterverträgen der Jahre 2003 ff. – Keinesfalls ist das zitierte Sokrates-Apophthegma "Ich weiß, dass ich nichts weiß" agnostizistisch zu verstehen, sondern lediglich in dem Sinne, dass Sokrates nach eigenem Verständnis weniger weiß als die Gottheit, dass er sich lediglich bemühen kann, zur Erkenntnis vorzudringen.[26] Das Göttliche spielt für ihn auch eine Rolle in Gestalt des Daimonion, wie er es nennt,[27] einer inneren Stimme, die ihn von fragwürdigen Handlungen abhält (so Platon, anders Xenophon). Sokrates’ Haltung in diesen Fragen wurde als "Gottlosigkeit", α̉̀σέβεια, missverstanden; aus diesem Grund oder besser: unter diesem Vorwand wurde er 399 v. Chr. hingerichtet. Er hatte die Möglichkeit zu fliehen, hielt dies aber für illoyal gegenüber seiner Polis.

Antikereption im 18. Jahrhundert/ Wieland und die Antike

So viel, so wenig zu Sokrates selbst. Jetzt zu einem Kapitel seiner umfangreichen und vielgestaltigen Rezeption, die sich, über fast zweieinhalb Jahrtausende hinweg, bis hin zu Brecht erstreckt.[28] Sokrates ist besonders für die Aufklärung wichtig gewesen, unter anderem für Christoph Martin Wieland (1733-1813). Er war der meistgelesene Autor jener Epoche, in Europa mehr gelesen als Goethe; Werke Wielands wurden in etwa zwanzig Sprachen übersetzt, s. WB. Er war übrigens der erste deutsche Dichter bzw. Schriftsteller, von dem schon zu Lebzeiten mehrere Ausgaben "Sämmtlicher Werke" erschienen sind (z. B. die 45bändige 1794-1811 bei Göschen herausgekommene Ausgabe letzter Hand), die allerdings Lücken aufwiesen.[29] Vor allem wurde er natürlich in Deutschland gelesen, und es gab lebendige Kritik (besonders seitens des Sturm und Drang, des Göttinger Hains und der Romantik) und Gegenkritik.[30] Ein Beispiel: Wieland veröffentlichte 1773 ein Singspiel "Alceste", unter Rückgriff auf Euripides’ "Alkestis". Es trug ihm einen heftigen Angriff von dem jungen Stürmer und Dränger Goethe ein, der glaubte, der "derben, gesunden Natur" der Griechen gegen den empfindsamen modernen Bearbeiter zu ihrem Recht verhelfen zu müssen (dass Wieland "keine Ader griechisch Blut im Leibe" habe, war ein Hauptvorwurf der Sturm-und-Drang-Generation gegen Wieland[31]). Er tat es in der Farce "Götter, Helden und Wieland" (1773, Erstdruck 1774): Goethe machte hier zugleich seinem Ärger über eine negative Kritik seines "Götz" in "Der Teutsche Merkur" (3. Band, 3. Stück, 1773, 267 ff.) Luft, eine Kritik, die zwar nicht von Wieland stammte, aber in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift erschienen war. Übrigens – das ist kaum bekannt – hat sich Wieland ebd. S. 287 von jener Kritik distanziert: Ein Zeitschriften-Herausgeber komme nicht umhin, auch Beiträge zu drucken, mit denen er nicht einverstanden sei, wie er im vorliegenden Fall; er werde bei Gelegenheit darauf zurückkommen. (Dies tat er denn auch im 6. Band, 3. Stück, 321 ff.) Goethe wurde der Druck dieses satirischen Gesprächs, das in der Tradition der Lukianischen "Totengespräche" stand,[32] nach seinem Bekunden durch J. M. R. Lenz abgerungen; der Druck erfolgte anonym, aber möglicherweise so, dass die Autorschaft deutlich wurde: Auf dem Titelblatt, so las ich es jedenfalls im Buch eines namhaften Wielandforschers (Nomina sunt odiosa), habe das Arrangement der Buchstaben

GÖTter HElden und W ieland einen entsprechenden Hinweis für Insider geboten. Trotz intensiver Bemühungen konnte ich diese zugegeben hübsche Titelei nirgends ermitteln, weder in den zahlreichen Erstdrucken der Sammlung Hirzel der Universitätsbibliothek Leipzig noch in Kommentaren zu "Götter, Helden und Wieland" sowie in sonstiger einschlägiger Goetheliteratur, nicht in der Stiftung Weimarer Klassik oder bei anderen Wielandforschern. Schließlich wies mich der hier ungenannt bleibende Verfasser jener Wieland-Studie auf Edwin Bormann, Die Kunst des Pseudonyms, Leipzig 1901, als mögliche – ihm zur Zeit nicht zugängliche – Quelle hin. In der Tat stammt die Idee von Bormann; allerdings stellen sich die Dinge dort ein wenig anders dar. Es heißt da S. 29: "Deckt man den Titel [...] vom linken Ende der Doppellinie bis unter das erste t der Anfangszeile zu, so erscheint der Verfassername W. Göthe",[33] und diesem Satz gibt Bormann folgende Abbildung bei:

verneris sur

 

Goethes Farce[34] stieß auf Protest. Ein Rezensent der "Allgemeinen Deutschen Bibliothek" rügte: Was Goethe wohl sagen würde, "wenn jemand unter dem Titel ‚Zigeuner, Lumpengesindel und Goethe’ ein Pasquill auf seinen ‚Götz von Berlichingen’ machte und führte ihn darin auf als einfältigen Tropf"(26,1 [1775] 206). Auch Lessing und andere bedeutende Zeitgenossen distanzierten sich von Goethes Schrift.[35]

Wieland reagierte rasch in einer kurzen Replik.Zugleich publizierte er eine eigene Besprechung des "Götz"; beides zeugte von taktischer Klugheit wie von echter Bewunderung für die dichterische Kraft des Jüngeren. Die Replik lautet:

Der Herr D. Goethe, Verfasser dieses Werkleins, nachdem er uns in seinem "Götz von Berlichingen" gezeigt hat, dass er Shakespeare sein könnte, wenn er wollte: hat uns in dieser heroisch-komisch-farzikalischen Pasquinade gewiesen, dass er, wenn er wolle, auch Aristophanes sein könne. Denn so wie es ihm in diesem kritischen "Wrekekekex Koax Koax"[36] beliebt hat, mit  Wieland und Wielands "Alceste" sein Spiel zu treiben, so trieb es  Aristophanes ehemals mit dem nämlichen Euripides, welchen Hr.Goethe hier, mit der ihm eignen Laune, dem Verfasser des Singspiels "Alceste" auf den Kopf treten lässt. Wir empfehlen diese kleine Schrift allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten sorgfältig denjenigen auswählt, aus dem ihm der Gegenstand schief vorkommen muss, und sich dann recht herzlich lustig darüber macht, dass das Ding so schief ist! [37]

Für Goethe war Wieland von großer Bedeutung. Vor und während Goethes Leipziger Zeit übten namentlich Wielands "Comische Erzählungen", "Idris" und "Musarion" großen Einfluss auf ihn aus.[38] Auch deshalb bedauerte Goethe bald seine Attacke gegen Wieland, aber ebenso aufgrund von Wielands geschickter Reaktion. [39]

Wieland hat sich kontinuierlich und intensiv mit dem griechisch-römischen Altertum befasst:[40] Er hat antike Autoren gelesen, übersetzt, kommentiert sowie sich stofflich und/oder formal von ihnen anregen lassen, wie andere Repräsentanten der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts auch. Während diese Latein meist gut bis sehr gut konnten, beherrschten sie das Griechische in unterschiedlichem Maße. So schreibt Wilhelm von Humboldt 1812 an Friedrich August Wolf, seine – Wolfs – Übersetzung der "Acharner" bereite Goethe große Freude: Er könne "nun erst den Aristophanes lesen und genießen".[41] Humboldt selbst überträgt eine Passage aus der "Lysistrate" zu seiner eigenen und einiger "ungriechischer Freunde Erlustigung";[42] einer dieser "ungriechischen Freunde" ist Schiller.[43] Ihm widmet August Wilhelm Schlegel des maliziöse Epigramm "Trost bei einer schwierigen Unternehmung"; eine Strophe lautet:

Nur wenig Englisch weiß ich zwar,

und Shakespeare ist mir gar nicht klar.

Doch hilft der treue Eschenburg

wohl bei dem "Macbeth" mir hindurch.

Ohn alles Griechisch hab ich ja

verdeutscht die "Iphigenia".[44]

August Wilhelm Schlegel hatte auch sonst eine spitze Zunge. Dem Platon-Übersetzer Friedrich Schleiermacher, gegen den er persönlich nichts hatte, widmete er folgendes Epigramm:

Der nackten Wahrheit Schleier machen

ist kluger Theologen Amt.

Und Schleiermacher sind bei so bewandten Sachen

die Meister der Dogmatik allesamt.[45]

Auch Schleiermacher konnte pointiert formulieren. Als ihm ein Kollege Komplimente machte, weil seine Vorlesungen so gut besucht seien, entgegnete Schleiermacher, einem Ondit zufolge (auch Schleiermacher-Spezialisten konnten mir keinen Beleg nachweisen): "Es stimmt, dass ich stets volle Hörsäle habe. Aber ein Drittel der Anwesenden sind Theologiestudenten, die sich von mir prüfen lassen müssen; das zweite Drittel sind junge Damen, die wegen der Theologiestudenten kommen; und das dritte Drittel sind Offiziere, die wegen der jungen Damen da sind – also worauf soll ich mir etwas einbilden?" Se non è vero, è ben trovato.

Zurück zu Schiller. Er hatte Euripides’ "Iphigenie in Aulis" tatsächlich anhand lateinischer und französischer Übertragungen verdeutscht ("...übersetzt aus dem Euripides"). Dass der "ungriechische" Schiller bei der Erfassung und Umgestaltung griechischen Erbes Bedeutendes geleistet hat, steht auf einem anderen Blatt. Das gilt nicht nur für ihn, sondern etwa auch für den, wie Hans Mayer ihn genannt hat, "römischen Brecht",[46] der gut Latein, aber kein Griechisch konnte; für Graeca stützte er sich offenbar auf seinen Schulfreund Caspar Neher, der ihn bei der Inszenierung der Brechtschen "Antigone"-Bearbeitung in Chur beriet und später in Brechts "Berliner Ensemble" Chefbühnenbildner war.[47] Der Gräzist Dietrich Ebener, der eine Fülle guter Übertragungen antiker Autoren geschaffen hat (vor allem, aber nicht nur für die "Bibliothek der Antike"[48] des Aufbauverlags), hat es so ausgedrückt: "Was man von den alten Originalen ‚lernen kann’, hat kein Geringerer als der – des Altgriechischen nicht mächtige – Genius B. Brecht allein aus den ihm zugänglichen Übersetzungen zur Kenntnis genommen und in den Hauptpunkten klassisch formuliert [...] Kein Wissenschaftler hätte ‚das zu Lernende’ treffsicherer und klarer formulieren können."[49] Sehr gute Griechischkenntnisse hatten im 18. und 19. Jahrhundert unter den Nicht-Berufsphilologen Lessing, Wilhelm von Humboldt, August Wilhelm und Friedrich Schlegel sowie eben Wieland. Der Gräzist Mras bezeichnete Wieland überhaupt als "den besten Gräzisten unter unseren Klassikern" ("Gräzist" hier im Sinne von "Griechisch-Kenner"), und der französische Wielandforscher Hallberg nannte das Griechische geradezu "la langue mère du Wieland", also nicht einmal nur eine wie die Muttersprache beherrschte zweite Sprache.[50] In schwierigen Fällen holte Wieland den Rat von Berufsphilologen der ersten Garnitur ein (Heyne, Schütz).

 2001 hat die Baden-Württembergische Kultusministerin Schavan behauptet, Wieland habe seinen Zeitgenossen übertriebene Griechen-Verehrung auszutreiben versucht.[51] Hier irrt Frau Schavan. Vielleicht hat sie an Goethe/Schillers Xenion gegen eine gewisse Gräkomanie gedacht. Wieland jedoch hat sich zwar auch für die römische Literatur stark engagiert – seine Horaz-Übersetzung wird immer wieder gedruckt[52] -, aber von Abwehr einer wie immer gearteten Griechenverehrung durch Wieland kann keine Rede sein. Wieland war Philhellene im ursprünglichen Wortsinn.[53] Wenn Frau Schavan sich über diesen Gegenstand äußerte, so musste sie bzw. ihr Redenschreiber sich kundig machen.[54] Nach der Pisa-Studie für Schüler ist eine solche Studie auch für die Lehrer gefordert worden; wie wäre es mit einer Pisastudie für KultusministerInnen?

Gelesen hat Wieland, z. T. schon als Schüler, viele antike Dichter und Schriftsteller.[55] Übersetzt[56] hat er, z. T. als erster, an Griechischem (in der Abfolge der Lebenszeit dieser Autoren) mehrere Tragödien von Euripides(†406 v. Chr.), einige Komödien von Aristophanes[57] (†nach 388 v. Chr.), von Xenophon (5./4. Jh.) das "Gastmahl" und Teile der "Erinnerungen an Sokrates",[58] von Isokrates (4. Jh.) eine Rede, den "Panegyrikos", von dem Satiriker Lukian (1./2. Jh.) fast alle Werke;[59] an Lateinischem Horaz’ Briefe und Satiren (vgl. o. Anm. 53) sowie Ciceros Briefe.[60] In mehreren Fällen handelt es sich um die erste Verdeutschung überhaupt. Gut gekannt hat er, ohne etwas zu übertragen, natürlich Homer (er hat sich eindringlich mit der Übersetzung durch Johann Heinrich Voß und mit Friedrich August Wolfs Arbeiten über Homer beschäftigt), Platon und zahlreiche andere Autoren. Übertragen hat er auch manche nichtantike Weltliteratur: Nachdem Lessing im 17. der "Briefe, die neueste Literatur betreffend" das Fehlen einer deutschen Shakespeare-Übersetzung beklagt hatte, begann Wieland Anfang der 60er Jahre mit seiner

(Prosa-)Übertragung der meisten Shakespeare-Stücke; er schloss sie 1766 ab. Sie hat, gewiss zu Recht, manche Kritik erfahren, hat aber als Pioniertat ihre Verdienste gehabt, was nicht zuletzt ein so gestrenger Kritiker wie Lessing, der hervorragend Englisch konnte, voll anerkannte. Wielands Verdeutschung war die Grundlage der Shakespeare-Rezeption im Sturm und Drang, denn Englisch-Kenntnisse waren weniger verbreitet als heute bzw. als Französisch-Kenntnisse damals. Goethe hat später Shakespeare überhaupt nur noch in Wielands Übersetzung benutzt. – Nebenher: Unser Terminus "Weltliteratur" ist zwar durch Goethe in Umlauf gekommen, aber geprägt hat ihn vorher Wieland.[61]

Antike Sujets gestaltet Wieland in zahlreichen Werken, die das zum Teil schon im Titel anzeigen, so – um, chronologisch, nur die größten ‚Brocken’ zu nennen – in den Romanen "Geschichte des Agathon" (1. Fassung: Entstehung [E] 1761-67, Erstdruck [ED] 1766-67; 2. Fassung 1772, ED 1773; 3. Fassung 1793-94, ED 1794), "Die Abderiten", später "Die Geschichte der Abderiten" (1773-81, ED 1774-81), "Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus" (1788-91, ED von Teilen : 1788-89, des gesamten Romans 1791), "Agathodämon" (1795-99, ED 1796-99), "Aristipp und einige seiner Zeitgenossen" (unvollendet, 1798-1800, ED 1800-02).[62] Dazu treten viele Werke, in denen er auf antike Formen zurückgreift, wie die "Göttergespräche" (E/ED 1790-93), die von Lukians imaginären Unterhaltungen im Olymp – auch sie heißen "Götter-" und "Meergöttergespräche" – inspiriert sind. – Programmatisch antikebezogen sind die Titel der von Wieland gegründeten, herausgegebenen und weithin mit eigenen Arbeiten bestrittenen Zeitschriften "Attisches Museum" (1796-1802) und "Neues Attisches Museum" (1805-09).

Aber nicht Wielands Verhältnis zur Antike insgesamt soll uns hier beschäftigen. Otto Bantels Dissertation (o. Anm. 1), die sein Verhältnis zur römischen Literatur weitgehend ausblendet, umfasst auch so schon 480 Seiten! Hier geht es um Wielands Beziehung zur Gestalt des Sokrates. Man hat das 18. Jahrhundert, in das der Hauptteil von Wielands Leben und Schaffen fällt, geradezu das "Sokratische Zeitalter" genannt, in dem man "Sokratische Freundschaften" pflegte und "Sokratische Gespräche" führte.[63]

"Zwölf Moralische Briefe", "Timoclea"

In den "Zwölf Moralischen Briefen in Versen" (1752) – einem Lehrgedicht, in dem sich Wieland im Anschluss an Sokrates’ Entwicklung erst mit der Naturphilosophie, dann mit der Ethik beschäftigt – ist Sokrates für den 19jährigen Wieland das Ideal des Weisen schlechthin, der den Weg zur Tugend zeigt, nicht zuletzt durch sein freiwilliges Sterben: Er könnte der Hinrichtung durch Flucht entgehen, tut es aber bewusst nicht; dieses Sterben bewertet Wieland höher als den Selbstmord, den später in Rom, nach dem Untergang der Republik, der junge Cato begeht.[64] – Mehr als einmal ist in den "Moralischen Briefen" zusammen mit Sokrates der Stoiker Epiktet genannt, der Wielands Sympathie zeit seines Lebens genießt, als undogmatischer Philosoph, dem es primär um eine sinnvolle Lebensführung geht. Sokrates und Epiktet sind zugleich ein Symbol dafür, dass man auch im Mangel glücklich existieren kann. – Weitere wichtige Aspekte der "Moralischen Briefe": Wahre Schönheit kann nur von der Tugend kommen, und so ist lediglich der Weise wahrhaft schön: "Gefiel nicht Sokrates und glich doch dem Silen?/ Narziß! Dein Spiegel lügt, der Weise nur ist schön!" (Der Satyr Silen war für seine Hässlichkeit bekannt.) Für den auf das (Männlich-)Körperliche abzielenden Schönheitskult der Antike, besonders der griechischen, und dann wieder der deutschen Griechenbewegung von Winckelmann an (bis zu Stefan George) hat Wieland 1752 und später kein Verständnis. Sokrates’ Gesicht habe trotz seiner "Faunsnase" Schönheit, Ernst und Anmut ausgestrahlt. – Der Sokrates der "Moralischen Briefe" ist Kosmopolit, anders als der real existierende Sokrates des 5. Jhs. v. Chr. Dieser lässt sich ja, obwohl von seiner Unschuld überzeugt, durch die Gesetze seiner Polis zu Tode bringen. Reinhard Häußler vertritt darüber hinaus unter Berufung auf Döring[65] die Auffassung, Wieland habe auch den "Kosmopoliten Sokrates" von Epiktet übernommen, für den Sokrates eine einzigartige Bedeutung hatte. Nun ist Epiktet zwar nicht der erste antike Philosoph, der den Kosmopolitismus vertrat, aber vielleicht der erste, bei dem Wieland darauf stieß, doch kommt auch der Kyniker Diogenes dafür in Betracht, den Wieland ebenfalls gut kannte. Auf jeden Fall nennt Wieland gelegentlich Sokrates und Epiktet in einem Atemzug ("lauter Sokratesse und Epiktete"[66]), und im "Vorbericht" zum "Sokrates mainomenos", auf den ich gleich komme, nennt er den "weisen Epiktet" einen "zweiten Sokrates". – Zu der 3. Auflage der "Moralischen Briefe" (1762) schreibt Wieland einen "Vorbericht", in dem er vom "sanften Sokratischen Spott" und vom "Weltmann" Sokrates spricht. Das sind Züge, die es 1752 in der 1. Auflage nicht gab. Hier deutet sich an, wie Wielands Bild der Antike und speziell des Sokrates sich ändert; wir werden das noch anderweitig sehen.

1754/55 verfasst Wieland das "Gespräch des Socrates mit Timoclea, von der scheinbaren und wahren Schönheit" (ED 756), das später unter dem Titel "Timoclea. Ein Gespräch über scheinbare und wahre Schönheit" gedruckt wird. Sokrates ist hier ein schwärmerischer Moralist, ein Philosoph ohne Lebenserfahrung – wie der 21jährige Verfasser des "Gesprächs". Die Art, wie Wieland den Sokrates auftreten lässt, ist nicht sokratisch: Er sucht nicht durch Gespräche auf den Punkt zu kommen, sondern doziert über Seelenschönheit und Moral, ganz wie ein Philosoph des 18. Jahrhunderts. Und Sokrates spricht verächtlich über die Hetäre Lais, wie der historische Sokrates nicht über Aspasia gesprochen hat und wie 1798 ff. der Sokrates von Wielands "Aristipp" nicht über Lais spricht. Im "Vorbericht" zum Neudruck von 1798 charakterisiert Wieland die männliche Hauptgestalt der "Timoclea" als einen "Socrate moderne" (die Hervorhebung von mir: J. W.) Ungeachtet manch neuen Zuges gehört der Sokrates der "Timoclea" ebenso wie der der "Moralischen Briefe" in Wielands idealistische Jugendphase.

ΣΩΚΡΑΤΗΣ ΜΑΙΝΟΜΕΝΟΣ

Das einzige größere Werk Wielands, in dessen Titel Sokrates begegnet, ist "ΣΩΚΡΑΤΗΣ ΜΑΙΝΟΜΕΝΟΣ oder die Dialogen des Diogenes von Sinope", geschrieben 1769, als Wieland Professor an der Universität Erfurt ist (an der er vordem zwei Semester studiert hat), gedruckt 1770. Den ersten Teil des Titels gibt Wieland selbst mit "Socrates delirans" bzw. "ein aberwitzig gewordener Sokrates" wieder. Bei Diogenes aus Sinope[67] handelt es sich um den bekannten Kyniker, der, nachdem der Sokrates-Schüler Antisthenes aus Athen mit seiner Lehre die kynische Schule begründet hat, nun als der wichtigste Antisthenes-Schüler kynische Lebensweise realisiert und propagiert, eine Lebensweise, die namentlich das Streben nach Unabhängigkeit (Autarkie) durch Anspruchslosigkeit und Beherrschung der Leidenschaften sowie durch Ablehnung aller Konventionen praktiziert: Diogenes als "Vater des praktischen Kynismus" (Theodor Gomperz) lebt eine Existenz vor, die an 1968er, Blumenkinder, Love-Parade-Teilnehmer und andere Alternative gemahnt, unter anderem durch öffentliche Befriedigung fäkalischer und sexueller Bedürfnisse; eine Lebensweise, die den übrigen Menschen als die von Hunden, κύνες, erschien, weshalb die Anhänger dieser Strömung seit Diogenes κυνικοί genannt wurden[68] (das passte zugleich zum Namen des Antisthenes-Lehrsitzes, des athenischen Gymnasions Kynosarges) ; daraus hat sich bekanntlich im Deutschen außer "Kyniker" auch "Zyniker" entwickelt,[69] wobei zu bedenken ist, dass nicht jeder antike Kyniker ein Zyniker im Sinne des heutigen Wortes war und dass kein heutiger Zyniker ein Kyniker ist, sein kann, weil es eine solche philosophische Richtung nicht mehr gibt. Diogenes nahm eine "Umwertung aller Werte" vor, um eine Prägung Nietzsches zu verwenden; im Griechischen steht παραχαράττειν τò νόμισμα "die Münze umprägen/fälschen" (Diogenes hat möglicherweise seinem Vater bei einer Münzfälschung geholfen). Zu den von Diogenes abgelehnten Werten gehörte der Staat; der wichtigste Ausspruch des Kynikers lautet: "Ich bin ein Weltbürger", κοσμοπολίτης ει̉μί.[70] Diogenes war, am Rande bemerkt, überhaupt durch Apophthegmen bekannt. Als ihn in seiner Tonne – der Bedürfnislose braucht kein Haus – Alexander der Große besuchte, ihm einen Wunsch freistellte und ihm in seiner königlichen Huld Gott weiß was gewährt hätte, sagte Diogenes nur ganz cool: "Geh mir aus der Sonne!"; daraufhin bemerkte der hohe Herr: "Wenn ich nicht Alexander wäre, würde ich Diogenes sein wollen." Helmut Schmidt hat einmal geäußert, es solle sich niemand von den Ideen des Club of Rome anstecken lassen, dass wir alle zu einem einfachen Leben zurückkehren müssten: "Diogenes konnte in der Tonne leben und war damit zufrieden. Aber er war Philosoph, und das sind wir meistens nicht."[71] Wohl das schönste Bonmot des Diogenes: Als ihn die Einwohner seines Heimatortes Sinope aus einem hier nicht zu erörterndem Grund verbannten und zu ihm sagten: "Wir verurteilen dich, die Stadt zu verlassen" (wogegen er nichts tun konnte), entgegnete er: "Und ich verurteile euch, hierzubleiben."

Wielands Diogenes übt in seinem gewöhnlich als Roman bezeichneten Werk – es enthält Dialoge (auch vom historischen Diogenes gab es welche), Selbstgespräche, Anekdoten usw. – Gesellschaftskritik, verulkt in der Satire vom Mann im Mond Gelehrte, die sich mit Entschiedenheit über Dinge äußern, über die sie nichts wissen. In antikem Gewand stellt Wieland das Ideal des harmonischen Menschen dar, wobei er Diogenes bewusst idealisiert,[72] ihn als aufgeklärten Bürger des 18. Jahrhunderts gestaltet: Als einer, der nichts besitzt und nichts begehrt – in einer Gesellschaft, die den Besitz zum Maß der Dinge erhebt -, als Wahrheitsfanatiker, als Verächter gesellschaftlicher Normen, als Umwerter der geltenden Werte ist er ein "Sonderling" innerhalb seiner Gesellschaft; von dem historischen Kyniker ist, wie Wieland 1797 sagt, "nur der Hang zur Unabhängigkeit übriggeblieben.[73] In seiner gesellschaftskritischen Haltung entwickelt Diogenes/Wieland – 1770 schreibt Wieland an Sophie La Roche‚ die Philosophie des Diogenes sei viel mehr die seinige, als sie habe glauben wollen[74]-, die Vision einer Revolution, 20 Jahre vor der Französischen Revolution (zu der Wieland im Lauf der Zeit ein differenziertes Verhältnis hat); Derartiges geschieht hier wohl erstmals in deutscher Sprache. Am Ende des Werkes lässt Wieland den Diogenes eine "Republik" entwerfen, die nicht nur Satire auf Platons "Politeia" ist, woran man um so eher denken könnte, als die – nicht erhaltene – "Republik" des antiken Diogenes ein Gegenentwurf zu derjenigen Platons gewesen sein mag, aber Wieland äußert, wiederum gegenüber Sophie La Roche, nichts verstehe, wer seine "Republik" von 1770 nur als Satire auf Platons "Staat" auffasse.[75] Wieland ironisiert wohl vor allem Rousseaus zivilisationskritischen, historische Gegebenheiten außer acht lassenden Naturstaat; Wieland legt, in gewisser Weise ebenso illusionär, mehr Wert auf Erziehung durch Vernunft. Wie immer, Wielands Diogenes, der "Sonderling", kann nur unter der Narrenkappe die wirklichen Narren zum Narren halten: die Narrenkappe als Tarnkappe. Diogenes kann von Glück reden, wenn ihn die Gesellschaft als Narren verkennt; sähe sie ihn als den Weisen, der er doch ist, könnte es ihm ähnlich ergehen wie dem Sokrates von 399 v. Chr. (Ich greife hier auf Gedanken und Formulierungen von Peter Fix in der von ihm betreuten, übrigens auch ästhetisch ansprechenden Ausgabe des "Sokrates mainomenos"[76] zurück.)

Wieso vergleicht Wieland den Diogenes mit Sokrates? Auch dieser ist ein Sonderling: Auch ihm ist eine gewisse Abhärtung und Bedürfnislosigkeit eigen,[77] auch er ist ein Wahrheitsfanatiker, der mit Spott und Ironie arbeitet (Wieland spricht im "Sokrates mainomenos" vom "Sokratischen Satyr", und hier geht es ihm, anders als beim "Silen Sokrates" in den "Moralischen Briefen", nicht um das Äußere); ein Sonderling, der auch etwas vom Narren an sich hat, der, wie Diogenes, nur unter der Narrenkappe die tatsächlichen Narren zum Narren halten kann. "Sokrates und Harlekin sind meine Lieblingscharaktere, und Yorick [im "Tristram Shandy" des von Wieland bewunderten Laurence Sterne] ist es mehr als einer von diesen beiden, weil er Sokrates und Harlekin zugleich ist", schreibt Wieland am 15. 12. 1768 an seinen Erfurter Freund F. J. Riedel.[78] (Wieland erwägt damals eine Übersetzung des englischen Satirikers.) Später bezeichnet Wieland den Diogenes-Schüler Menippos in durchaus positivem Sinn als "philosophischen Harlekin". Goethe gibt zu bedenken: "Sokrates-Till [-Eulenspiegel] lässt sich vielleicht recht gut verdeutscht für Sokrates Mänomenos setzen".[79] Zu bedenken ist auch die Mitteilung von Diogenes Laertios VI 103: "Was einige für Sokrates in Anspruch nehmen, das schreibt Diokles aus Magnesia [Verfasser eines Abrisses der Philosophie-Geschichte] dem Diogenes zu." Wieland spricht in einem Brief vom 17.2.1770 an Sophie La Roche geradezu von "diesem Sokratischen Diogenes" (wie o. Anm. 76). In anderer Beziehung unterscheiden sich Sokrates und Diogenes. So fühlt sich der historische Sokrates, wie ihn unsere antiken Hauptgewährsleute Platon und Xenophon, in diesem Punkt übereinstimmend, schildern, als ein seiner Polis verpflichteter Bürger, während sich der Diogenes dieses Wieland-Werkes (Kap.32) ebenso wie der uns kenntliche antike Diogenes ausdrücklich als Weltbürger, Kosmopolit, bekennt. (In Wielands "Aristipp" [1798] I 7 charakterisiert der Titelheld den Sokrates wie folgt: "Er ist ein zu edler und zu guter Mensch, um ein bloßer Bürger von Athen, und gleichwohl zu sehr Bürger von Athen, um ein echter Weltbürger zu sein.") – In dem "Vorbericht" zum "Sokrates mainomenos" von 1770 wird übrigens sein Daimonion erwähnt, in der Form, dass Wieland von seinem, Wielands, "Instinkt" spricht, "welchen Sokrates seinen Genius zu nennen pflegte", jenen Zug, den Nietzsche ganz unfeierlich zum "Ohrenleiden des Sokrates", also eine Art Tinnitus, erklärt.[80]

Wie kam Wieland überhaupt auf den Titel? Er griff auf eine Mitteilung des "Buntschriftstellers" (Kuriositäten-Sammlers) Aelian (um 200 n. Chr.; Varia historia XIV 33) zurück, wonach der Sokrates-Schüler Platon den Kyniker Diogenes als Σωκράτης μαινόμενος bezeichnet hat.[81] Erläutert, begründet wird der Vergleich nicht.[82] In Platons erhaltenen Texten – und von Platon ist, für antike Verhältnisse, relativ viel überliefert – wird Diogenes überhaupt nicht erwähnt. – In einer der Diskussionen zu diesem Vortrag wurde zu bedenken gegeben, ob μαινόμενος hier nicht, wie μάντις, μαινάς usw. im Sinne von "ekstatisch" zu verstehen ist. Dazu passt indes schlecht, dass Wieland den Kyniker ausdrücklich einen "vernünftigen Sonderling" nennt. Aber μαίνομαι heißt ja auch "verhalte mich ungewöhnlich, verstoße gegen Sitte und Ordnung, gegen Normen", s. Lexikon des frühgriechischen Epos, Lief. 15, 1993, 5 f. – In der übrigen antiken Literatur werden Sokrates und Diogenes kaum je in einem Atemzug genannt: der Mönch und Epistolograph Isidor aus Pelusium (5. Jh.) beruft sich in seinem Kampf gegen den Luxus an unterschiedlichen Stellen auf Sokrates und Diogenes, ohne aber eine Traditionslinie zu ziehen. In der großen Edition Giannantonis (o. Anm. 71) fehlt Isidor, desgleichen in den verdienstlichen Arbeiten über Sokrates im frühen Christentum.

1795 spricht Wieland anlässlich einer neuen Ausgabe des Werkes in einem "Zusatz" zum "Vorbericht" kurz von den "Dialogen des Diogenes", erwähnt also nur den Untertitel der Edition von 1770. Er sei fehl am Platz, da tatsächliche Gespräche nur den geringsten Teil des Ganzen ausmachten, vielmehr abwesende und fingierte Personen mit anderen Textsorten, z. B. Selbstgesprächen, apostrophiert würden. Ferner sei der frühere Haupttitel griechisch – er war auch in griechischen Lettern gedruckt: ΣΩΚΡΑΤΗΣ ΜΑΙΝΟΜΕΝΟΣ – ; heute würde das jedem durchschnittlichen Setzer einen tödlichen Schrecken einjagen, aber warum störte das 1795? Wieland verrät es nicht. Dann aber "(scheint) dieser halb ehrenvolle, halb spöttische Spitzname, welchen Platon dem Diogenes gegeben haben soll, auf den Sokrates, der sich in diesen Blättern darstellt, ganz und gar nicht zu passen." (Es folgt die von mir schon teilweise zitierte Passage: "Dieser (Diogenes) ist zwar ein Sonderling [das hat er auch für Wieland mit Sokrates gemeinsam], aber ein so gutherziger, frohsinniger und (mit Erlaubnis zu sagen) so vernünftiger Sonderling...".[83] Das klingt fast so, als wolle Wieland dem Sokrates Gutherzigkeit, Frohsinn und Vernunft absprechen, aber das ist ja nicht ernstlich in Erwägung zu ziehen bei allem Positiven, was Wieland sonst von Sokrates sagt.) Also titelt der Autor, in Anlehnung an die Überschrift der von ihm fingierten lateinischen Vorlage (Wieland will in einer Bibliothek das entsprechende Manuskript – die lateinische Fassung einer arabischen Übersetzung des verlorengegangenen griechischen Originals – entdeckt, ins Deutsche übertragen bzw. dann weitgehend umgeschrieben haben; eine Fiktion, zu der es bei Wieland und anderen Schriftstellern Parallelen gibt[84] und die Wieland selbst in spielerischer Weise in Frage stellt), in Anlehnung also an den fiktiven lateinischen Titel "Diogenis Sinopensis reliqua" titelt er jetzt: "Nachlass des Diogenes von Sinope", und so steht es nun auch in der historisch-kritischen Akademie-Ausgabe von Wielands "Gesammelten Schriften", der heute einzig maßgeblichen (noch unvollständigen) Gesamt-Edition der Berlin-Brandenburgischen, früher Preußischen, dann Deutschen, danach DDR-Akademie der Wissenschaften. – Diogenes spielt auch im "Aristipp" (1798 ff.) eine – positive – Rolle: es fällt aber von da, wenn ich nichts übersehen habe, kein Licht auf den Sokrates-Vergleich von 1769/70. – In Parenthese, nachdem ich schon etwas über die Aufnahme und Verbreitung von Wielands Werken in seiner Zeit gesagt habe: Der "Diogenes" hatte ein recht günstiges Echo. Er erlebt viele Auflagen einschließlich der bei Wieland so häufigen Doppel- und Raubdrucke; bedeutende Zeitgenossen loben das Buch enthusiastisch in Briefen (so Gleim und J. G. Jacobi); es erscheinen zahlreiche positive, partiell auch kritische Rezensionen[85] sowie zahlreiche Gesamt- und Teilübersetzungen ins Englische, Französische, Italienische, Niederländische, Polnische, Russische und Ungarische. Eine der französischen Ausgaben (Socrate en délire ou Dialogues de Diogène de Synope) enthält Zusätze Wielands, die offenbar so geartet waren, dass Wieland selbst diese Fassung besser fand als das deutsche Original;[86] es folgten Neuausgaben in Paris, Dresden und Amsterdam (WB 1673). Sogar der Vertrieb des "Sokrates mainomenos" in Österreich wird genehmigt (es gab von katholischer Seite Einwände gegen das Werk, die hier nicht zu erörtern sind). Finanziell ist das Buch für Wieland ebenfalls ein Erfolg, durch den beträchtlichen Absatz wie durch das vergleichsweise hohe Honorar: Wieland ist auch in geschäftlichen Dingen geschickt; sein Verleger Reich pflegt ihn wohl auch deshalb seinen "teueren Wieland" zu nennen. Wieland sieht in dem Buch eines seiner "besten Produkte" und vielleicht sein bestes Prosa-Werk. Wieland hat es in seiner "glücklichsten Lebensperiode in Erfurt geschrieben", "unter den vornehmsten Bedingungen meiner literarischen Freiheit [...] unter diesem wolkenlosen Frühlingshimmel".[87] Goethe schreibt damals an den Gräzisten Gottfried Hermann: "Herr Reich hat mir die Dialogen des Diogenes auf die Post geschickt, und ich habe sie auf der Post gelesen, es war das liebste Geschenk, das er mir hätte machen können. Die Kupfer [von Adam Friedrich Oeser[88]] sind exzellent, und das Buch ist von W i e l a n d e n".[89] Der "Sokrates mainomenos" "gilt als eines der schönsten Bücher, die im späten 18. Jahrhundert in Deutschland gedruckt worden sind".[90] Zwei Wochen später heißt es in einem Brief Goethes an Reich: "Meine Gedanken über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen. Empfinden und schweigen ist alles was man bei dieser Gelegenheit tun kann."[91] Aus demselben Jahr 1770 stammt Goethes Äußerung in den "Ephemerides": "Diogenes von Sinope dialogisiert sehr in der Manier von John Falstaff. Oft eine Laune, die mehr Wendung als Gedanke ist."[92] (Er führt das nicht aus.) Als ich diese Passage bei Grumach las, ohne Kontext, hatte ich den Verdacht, Goethe habe sich, nach einem ersten positiven Eindruck und einem günstigen Urteil Hermann gegenüber, nach gründlicherer Lektüre Reich gegenüber zurückhaltender äußern wollen. Selten habe ich bei anderer Gelegenheit festgestellt, wie sehr man ohne Berücksichtigung des Kontextes fehlgehen kann; in Goethes Brief an Reich heißt es nämlich weiter: "Loben soll man einen großen Mann [Wieland] nicht, wenn man nicht so groß ist wie er [...] Nach ihm [Adam Friedrich Oeser] und Shakespearen ist Wieland noch der einzige, den ich für meinen echten Lehrer erkennen kann." Die Diogenes-Gestalt bewegt ihn immer wieder: Am 8.3.1819 fragt er bei Riemer an: "Können Sie [...] mir auf die Spur verhelfen, wer zuerst den Diogenes den rasenden Sokrates genannt habe? Und wo sich die Stelle in alten Autoren findet, so würden Sie mir eine besondere Gefälligkeit erzeigen."[93] Goethe und Wieland haben sich in Weimar, wo sie sich 1775 kennengelernt haben, nicht nur zusammengerauft – s. z. B. die kurze, 1769/70 schon etwas zurückliegende "Alceste"- und "Götz"-Kontroverse -, sondern sie haben über Jahrzehnte hinweg geradezu freundschaftliche Beziehungen unterhalten, und Goethe hat 1813 die berühmte Rede in der Freimaurer-Loge Amalia gehalten: "Zu brüderlichem Andenken Wielands".[94]

Der "Sokratische Dichter" Euripides

1777 publiziert Wieland in seinem "Teutschen Merkur" deutsch einige Fragmente des Euripides, von dem er mehrere Tragödien übersetzt: "Ion" (1803) und "Helena" (1805), zum Teil "Hekabe" (1775) und das Satyrspiel "Kyklops" (1793); sein Singspiel "Alceste" nach Euripides’ "Alkestis" erwähnte ich schon. Wieland druckt die Euripides-Fragmente unter dem Titel "Sprüche aus einem Sokratischen Dichter." In der Abhandlung "Die sterbende Polyxena"(1775) nennt Wieland den Euripides einen "Sokratischen Tragödiendichter"; 1762 hat er ihn als "theatralischen Sokrates" bezeichnet, "theatralisch" in dem neutralen Sinn, in dem das Wort damals und noch lange danach ausschließlich üblich ist ("Wilhelm Meisters theatralische Sendung"), nicht pejorativ wie heute gelegentlich. Wieland mag aus Diogenes Laertios I 18 gewusst haben, dass die – nur fragmentarisch erhaltenen – Tragiker des 5. Jahrhunderts Mnesimachos und Kallias behaupteten, Sokrates habe dem Euripides beim Dichten geholfen, und gewiss kannte Wieland aus den "Fröschen" des Aristophanes, von dem er später vier Komödien übersetzt,[95] die Passage in V. 1491 ff., wo dem Euripides enge Verbindung zu Sokrates vorgeworfen wird, wobei Sokrates, wie in den "Vögeln" desselben Dichters, in großer Nähe zur Sophistik gesehen wird, zu Unrecht, vgl. Werner 1998, 14 f.[96] In einer Anmerkung zu V.1731 seiner "Wolken"-Übertragung (V. 1377 f. Coulon), "dass du den weisesten unsrer Dichter, den Euripides, nicht lobtest", sagt Wieland: "Die hohe Meinung vom Euripides hatte Pheidippides [der diesen Vers spricht] aus der Schule des Sokrates mitgebracht, dessen Vorliebe für diesen Dichter und seine Tragödien bekannt ist." Für Wieland ist Euripides also Schüler oder sogar Freund des Sokrates,[97] ja, Euripides und Xenophon – von ihm wird noch die Rede sein – erscheinen ihm als die eigentlichen Sokratiker. Dafür gibt es in der Realität, was Euripides angeht, keinerlei Anhaltspunkte. In der Abhandlung "Grundriß und Beurtheilung der Helena des Euripides" (1808) bezeichnet Wieland den Euripides als "Freund des Sokrates"; "Euripides dachte über die Götter wie Anaxagoras [!] und Sokrates"(Anmerkung zur "Ion"-Übertragung). Einen Nachweis dafür liefert Wieland nicht. "Es liegt wohl einfach ein Wunschdenken vor" (Bantel 233), insofern als für Wieland von einem bestimmten Zeitpunkt an jede antike Persönlichkeit durch möglichst nahe Beziehung zu Sokrates gleichsam geadelt wurde. Davon abgesehen ist Euripides für Wieland augenscheinlich der philosophische Geist auf der attischen Tragödienbühne des 5. Jahrhunderts, im Unterschied zu den beiden anderen großen Tragikern des klassischen Athen, von denen uns vollständige Werke überliefert sind: Aischylos, der im Sturm und Drang, und Sophokles, der in der deutschen Klassik eine bedeutende Rolle gespielt hat.[98] – Was Wieland sonst an Euripides angezogen haben mag, muss beiseite bleiben; hier kann es um ihn nur im Sokrates-Kontext gehen.

 Die "Sokratische Schule": Horaz und andere

1781-82 erscheint Wielands Verdeutschung von "Horazens Briefen", 1784-86 die von "Horazens Satiren" (o. Anm. 53). Diese Übersetzungen, die, neben der Lukians,[99] zu seinen besten Übersetzungen antiker Literatur gehören, sind ebenfalls im Hinblick auf das Thema meines Vortrags bedeutsam. Hat Wieland schon in der Einleitung zum "Agathon"(1761) eine "ausführliche Geschichte der Sokratischen Schule" geplant – 1759 erwog er sogar die Gründung einer Wochenschrift zur Geschichte der Philosophie, wo – ganz antieuropazentrisch! – auch Zoroaster und Konfuzius berücksichtigt sein sollten, neben Pythagoras, Sokrates, Platon, Zenon, Epikur sowie Plutarch, Lukian und anderen -, so skizziert er jetzt, 1781, in einer Anmerkung zu Horaz, Brief I 1 die Entwicklung der Philosophie von Sokrates bis Horaz unter Einschluss des Epikureismus und der Stoa, und zu Satire I 1 konstatiert er erneut die Existenz einer "Sokratischen Schule". ( Ihre Geschichte wird er nie schreiben; an ihre Stelle tritt "Aristipp"). Repräsentiert wird sie für Wieland unter anderem durch Xenophon und Aristipp, von denen Horaz seine "Haltung in der Mitte zwischen zu wenig und zu viel", die "aurea mediocritas" habe. Dies ist freilich die Haltung des Peripatos und – Wielands, nicht die des Sokrates. "Echt sokratisch" nennt Wieland auch Horaz’ Raisonnement (Anm. zu Brief I 17); dies ist es insoweit, als es um Genügsamkeit geht, aber Horaz denkt doch mehr an die Ruhe des Landlebens in seinem bescheidenen Sabinum, "procul negotiis", "fern von den Geschäften", während sich in den vornehmen Villen auf dem Land die Un-Muße der Stadt fortsetzt; "echt Sokratisch" ist Horazens Haltung nicht. Eine Verbindung von Sokrates zu Horaz gibt es auch bei Shaftesbury, der auf die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts und speziell auf Wieland beträchtliche Wirkung ausübt. Wieland hat eine ahistorische Auffassung des "Sokratischen", die in Richtung Hedonismus (Aristipp) und Epikureismus (Horaz) geht; bekanntlich nannte sich der römische Lyriker selbstironisch "ein Schweinchen aus der Herde Epikurs", "Epicuri de grege porcus", was ja aber nur im Sinne einer Lebenskunst zu verstehen ist, die nicht zuviel Energie in tiefere philosophische Fragen investiert. Wieland steht damit den Anakreontikern nahe, die gleichfalls von Shaftesbury beeinflusst sind. Später sagt Friedrich Schlegel von Wielands "philosophischen Romanen": Sie "tragen dazu bei, unter einem Sokratischen Gewande [...] eine Moral zu verbreiten, welche im Grunde epikureisch war."[100] "’Viehischer Epikureismus’ – das ist eine der krassesten Formeln, mit der man die ‚Unmoral’ der erotischen Erzählungen und wohl der gesamten ‚literarisierten Philosophie’ zu Wielands Lebzeiten verdammte." Noch 1913 wird die Frage aufgeworfen "War [...] Wielands Sinnlichkeit eine epikureische Schweinheit?"[101] Und noch 1953 stellt Emil Staiger fest: "Auch heute noch und gerade heute ist Wielands epikuräisches Glaubensbekenntnis unerwünscht."[102] Andererseits hat schon 1775 der unübertreffliche Lichtenberg gesagt: "Nichts ist lustiger, als wenn sich die Nonsens-Sänger über die Wollustsänger hermachen" (als "Wollustsänger" hatte Hölty vom Göttinger Hain Wieland bezeichnet ). "Sie werfen Wielanden vor, dass er die junge Unschuld am Altar der Wollust schlachtet [...] Die Unschuld der Mädchen ist in den letzten 10 Jahren, da die ‚Comischen Erzählungen’ heraus sind, nicht um ein Haar leichter zu schlachten gewesen als vorher".[103]

In den Anmerkungen zu den Horaz-Übertragungen wird Sokrates, ebenso wie besonders Wielands Horaz und der Sokrates-Schüler Aristipp sowie die gleichfalls von Wieland übersetzten Autoren Cicero und Lukian, zu Repräsentanten von Humanität und Urbanität – zentralen Wertvorstellungen vor allem des späten Wieland, die die verfeinerte Kultur eines Menschentyps charakterisieren, der sich auszeichnet durch:

– hohe Bildung; das gilt auch für Frauen, etwa Aspasia, die‚ Lebensabschnittsgefährtin’ des Perikles, so wie für andere bedeutende Hetären und weitere große Frauen vor allem des 4. Jahrhunderts v. Chr.

– Geschmack in allen Bereichen, so in der Literatur und beim Stil; nicht zuletzt deshalb schätzt Wieland Xenophon so hoch

– die Fähigkeit, auf lockere, anmutige Art zu belehren ("moralisieren"); es sei an Wielands Philosophie der Grazien erinnert

– Einfallsreichtum, Schlagfertigkeit, Witz

– Geselligkeit, heiteres Wesen; im "Aristipp" wird Diogenes aus Sinope wegen eben dieser Eigenschaft positiv als Antipode des eher strengen, mürrischen Antisthenes, des Begründers der kynischen Schule, herausgestellt

– nicht durch Genusssucht, aber durch Genussfähigkeit (Aristipp im gleichnamigen Roman über Sokrates: "Er trank gewöhnlich Wasser, konnte aber, wenn’s darauf angelegt war, den stärksten Weinschläuchen die Stirne bieten und streckte sie alle zu Boden, ohne dass man eine merkliche Veränderung an ihm spürte")

– Fehlen der Fixierung auf die Polis, keine Beschränktheit im Sinne eines ’Kirchtumshorizonts’, Bildung durch Reisen, Kosmopolitismus

– weltmännisches Wesen (wobei ein Zusammenhang des weltmännischen Wesens mit weltbürgerlicher Haltung bestehen mag [Häußler])

– Toleranz: leben und leben lassen

– Freundlichkeit und Großmut auch gegen

– Sklaven, wie sie Kyros bei Xenophon übt; Wieland tadelt Horaz, der ungerührt davon berichtet, wie ein Sklave wegen eines unbedeutenden Vergehens mit dem Tode bestraft wird

 – Frauen, wie sie Kyros bei Xenophon gegen Panthea übt; Euripides, der als erster griechischer Dramatiker eindringlich das Gefühlsleben von Frauen darstellt,[104] mag Wieland auch deshalb sympathisch sein (keine Antenne hat Wieland dagegen für die im antiken Griechenland über Jahrhunderte hinweg  so selbstverständliche Knabenliebe)

 – besiegte Feinde, wie sie der ‚Barbar’[105] Kyros bei Xenophon gegen die Armenier und ihren König übt; in dem Fragment gebliebenen Epos "Cyrus" (1737) hat der Perserkönig fast christliche Tugenden aufzuweisen

– Distanz zur Religion, speziell zum Aberglauben; Wielands Aristipp hat auch Vorbehalte gegen Sokrates’ Daimonion.

Alle diese Werte findet Wieland mehr oder weniger bei all denjenigen Vertretern der Antike, denen er sich geistesverwandt fühlt: bei Horaz, später bei Aristipp, vorher noch bei Lukian: Auch dieser kaiserzeitliche Satiriker, den Wieland 1786 ff. übersetzt, wird von ihm ausdrücklich zu Sokrates in Beziehung gesetzt, so in "Die Grazien" (1764-70, ED 1770): Dort werden "der Genius der Sokratischen Ironie, der Horazischen Satire und des Lukianischen Spottes" als "Frucht der Liebe" zwischen der Komödien-Muse Thalia und einem Faun bezeichnet. Zu denen, auf die Wieland die oben angeführten Qualitäten fokussiert, gehört auch Cicero. Wieland zieht immer wieder Traditionslinien, mit gewissen Veränderungen. So nennt er nicht jedesmal alle in Betracht kommenden Autoren; in der Regel ist Xenophon dabei (nicht: Platon; ihn hat er nur in seiner idealistischen, Schweizerischen Phase, also bis 1760, auf den Schild gehoben), Aristipp, gelegentlich der Komödiendichter Menander; an Römern Cicero, besonders aber Horaz. Die genannten Züge der Humanität und Urbanität projiziert Wieland mehr oder weniger zurück auf Sokrates, nicht immer zu Recht; ich wies schon darauf hin. Wieland selbst revidiert gelegentlich teilweise sein früheres Sokrates-Bild, so im "Vorbericht" zur 1798er Ausgabe der "Timoclea": "Der Sokrates, der hier redend eingeführt wird, ist freilich von dem Sokrates, wie ihn der Verfasser sich jetzt vorstellt, wenigstens ebenso verschieden, als auch dieser es vielleicht von dem wirklichen Sokrates [des 5. Jhs. v. Chr.] ist". Im "Vorbericht" zum 1758er Neudruck der "Timoclea" hat er – ich erwähnte es bei der Behandlung dieser Dichtung – von einem "Socrate moderne" gesprochen.

Die meisten der von Wieland hervorgehobenen Qualitäten finden sich historisch überhaupt erst seit der hellenistischen Zeit – also seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. -, in die Xenophon und Aristipp hineinragen, ohne ihr ganz anzugehören; beide leben im 5. und 4., wirken aber nur im 4. Jahrhundert. Der Schwerpunkt von Wielands Beschäftigung mit dem Griechentum ist zeitlebens die Epoche nach Sokrates, der Hellenismus und die frühe Kaiserzeit, also die Zeit vom 4. vorchristlichen bis zum 2. nachchristlichen Jahrhundert. Aber der dem 5. Jahrhundert vor Christus angehörende Sokrates – nur eben bedingt der historische Sokrates, wie wir ihn aus Xenophon usw. kennen – ist für Wieland eine zentrale Gestalt, ein dauerndes Symbol geworden.

Zur Zeit Wielands interessiert man sich besonders für das vorklassische und das klassische Griechentum: Homer, Pindar, Aischylos, die "edle Einfalt und stille Größe" des Perikleischen Zeitalters. Wieland hat nichts gegen Homer, ich sagte es schon (damit, dass er Vergil zunächst höher bewertet, steht er in einer langen Tradition, die erst in Wielands Zeit zu Ende geht[106]), auch nichts gegen Perikles (er nennt ihn gelegentlich durchaus achtungsvoll), aber ihn interessiert nun einmal mehr die nachklassische, die hellenistische und die Kaiserzeit, um nicht zu sagen: das Anti-Klassische, das noch auf lange Zeit Nicht-Kanonische. Wielands Abweichen von den damals gängigen Ansichten über die Antike, über den Wert ihrer Epochen für uns, hatte zur Folge, dass z. B. Walther Rehm, Griechentum und Goethezeit, Leipzig 1936, Wieland nur als einen "unzünftigen großen Kenner" anführt; Gustav Billeter, Die Anschauungen vom Wesen des Griechentums, Leipzig, Berlin 1911, verzeichnet Wieland nicht im Register, behandelt ihn also möglicherweise überhaupt nicht. Man verargt Wieland, dass er das Nachklassische bevorzugt, im Unterschied etwa zu Winckelmann, dass er überhaupt die griechisch-römische Antike nicht als etwas Unvergleichliches ansieht, dass ihm der Enthusiasmus dafür fehlt, dass er, was Rom angeht, mehr zur Republik neigt, zuungunsten von Monarchie und Absolutismus, dass sein Antikebild dem der westeuropäischen Aufklärung nahesteht, dass es für die nationale Selbstfindung der Deutschen unbrauchbar,[107] dass er zu sehr Kosmopolit ist.[108] Zu den gängigen Vorwürfen gehören ferner mangelnde Originalität,[109] ’Vielschreiberei’,[110] Frivolität.[111] In dem in die hellenistische Epoche gehörenden Dichter Horaz, der in Athen "Sokratische Vorstellungsart einsog" (Wielands Anmerkung zu Epistel II 2), ist in den 80er Jahren für Wieland vollendet, was für ihn bei Sokrates – Wielands Sokrates – begonnen hat.

Aristophanes und Sokrates

1798 druckt Wieland eine Übersetzung der "Wolken" des Aristophanes. Es ist dasjenige Stück dieses Komödiendichters, das am zeitigsten ins Deutsche übersetzt worden ist (eine sehr freie Verdeutschung bzw. Eindeutschung erfolgt schon 1613) und am häufigsten, wegen der Sokrates-Problematik. Wielands Übertragung beigegeben ist ein "Versuch über die Frage: ob und wiefern Aristofanes gegen den Vorwurf, den Sokrates in den Wolken persönlich misshandelt zu haben, gerechtfertigt oder entschuldigt werden könne?" Diese Frage spielte im 18. Jahrhundert, zumal in der Aufklärung, in bezug auf die damals besonders häufig übersetzten "Wolken" immer wieder eine große Rolle. Ausgangspunkt der Diskussion war Platons "Apologie", in der unterstellt wurde, dass Sokrates im Jahr 399 nicht zuletzt aufgrund von Verleumdungen der zeitgenössischen Komödie zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist. (Voltaire haßt den Aristophanes deshalb geradezu.[112]) Dabei ging man entweder davon aus, dass Aristophanes und seine Zeit- und Zunftgenossen Personalsatire betrieben und nur deshalb ihren Mitbürger Sokrates, wie er leibte und lebte, auf die Komödienbühne gebracht haben, oder davon, dass es speziell Aristophanes – nur von ihm ist ein Sokrates-Stück erhalten – gar nicht um Sokrates selbst ging, sondern um damalige Philosophie generell, und dass er, warum auch immer, dem Sokrates gleichsam stellvertretend alles anhängte, was es kritisch etwa auch zur Sophistik zu sagen gab – auch Aristophanes ist ein Intellektueller neuen Typus; Brecht spricht geradezu von dem "Sophisten Sokrates"[113] -, wobei das Ergebnis für Sokrates allerdings das gleiche war. Wieland hält beide Möglichkeiten für denkbar, und er kommt überraschenderweise zu dem Resultat, dass Aristophanes dem Sokrates nicht ernstlich schaden wollte und dass er ihm auch gar nicht geschadet hat, da die Komödienbesucher sich lediglich auf Kosten anderer amüsieren wollten. (Besonnen dazu Ernst Heitsch.[114]) Wieland attackiert den Aristophanes durchaus, aber wegen ganz anderer Dinge: z. B. weil er sprachlich und anderweitig den Geschmack des athenischen Pöbels bedient habe. (Wieland ging, in diesem Punkt ganz Kind seiner Zeit, fälschlich davon aus, dass die ‚besseren’ Kreise nur die anspruchsvolle Tragödie besuchten, der ‚Pöbel’ dagegen bloß die Komödie; in Wirklichkeit besuchte jeder Athener beides).

Dass Wieland den Aristophanes unter künstlerischem Aspekt hoch geschätzt hat, ergibt sich schon daraus, dass es vier seiner Komödien übersetzt hat (s. o. Anm. 58) und weitere übersetzen wollte; er hätte sonst auch nicht gerade die "Wolken" mit ihrer – wie immer zu bewertenden – Karikatur des Sokrates ein "leichtes und schon halb verschwebtes Luftgebilde" genannt, von dem man bzw. er, Wieland, "den Liebhabern alter Kunst" leider nur "einen Holzschnitt zum besten zu geben" verstehe. Wieland hat dem Aristophanes bei Gelegenheit der "Wolken"-Übertragung viel Positives nachgerühmt: gute dramaturgische Ideen, exzellente Charakterisierung, hohe Sprachkunst, ja, Grazie und Urbanität, also für Wieland zentrale Werte; er zählt ihn zu den Großen der Weltliteratur, billigt ihm den ersten Platz unter den Komödiendichtern aller Völker und Zeiten zu, stellt ihn neben Shakespeare – höher geht’s nimmer! Ein Jammer nur für den Rokokodichter Wieland, dass Aristophanes so ‚unanständig’ ist, jede Menge Fäkal- und Sexualwitze hat. Noch im 19. Jh. soll der Altertumswissenschaftler August Böckh zu dem Epigramm Platons, das die Charitinnen, die "Anmut"göttinnen, einen unvergänglichen Tempel in Aristophanes’ Geist finden lässt, bemerkt haben: "Einen Tempel, ja, aber einen dreckigen". Wilamowitz hat kurz und treffend die Gegenposition fixiert: "Wer den Phallus nicht ehrt, ist die Komödie nicht wert" (die Alte Komödie des 5. Jhs. v. Chr.[115]). – Doch von "Transsexualität" ist bei Wieland nicht die Rede und auch nicht in der Forschungsliteratur, wie man anhand von Irmela Brenders flott geschriebener, auf Wieland-Lektüre Appetit machender Einführung[116] meinen könnte. Vielmehr hat W. Preisendanz über Wielands "Transtextualität" gehandelt.

Diese Empfindsamkeit Wielands wirkt sich übrigens, wie bei anderen von ihm verdeutschten Autoren, auf die Übertragung aus: Gelegentlich gibt er eine Stelle so wieder, dass sich der Leser nichts Arges denkt; dazu macht er eine Anmerkung, dass sich der antike Autor hier leider in einer Weise ausgedrückt habe, die er, Wieland, für sein gesittetes Publikum unmöglich nachbilden könne:[117] Der französische Übersetzer X gebe die Stelle in weitgehender Anlehnung an das Original soundso wieder, der englische Übersetzer Y soundso, und so steht die ‚Schweinerei’ unter Umständen gleich mehrfach da, vielleicht auch noch lateinisch, nur eben nicht deutsch. (Als ein Zeitgenosse Wielands feststellte, ein anderer Übersetzer des Euripideischen "Ion" sei dem Urtext näher als Wieland mit seiner Verdeutschung [1803], entgegnete dieser, dafür könne seine, Wielands, Übersetzung auch Damen vorgelesen werden. In seinen eigenen Werken war Wieland übrigens vergleichsweise weniger ängstlich). Auf jeden Fall verhindert der dezente Übersetzer Wieland, dass harmlose Gemüter über seine euphemistisch glättende Übertragung hinweglesen: Sie sollen sich ruhig etwas Schlimmes denken, nur soll in seiner Verdeutschung nichts Schlimmes stehen, höchstens in den Fußnoten, und dort nicht in deutscher Sprache.

Bezeichnend für den Wandel des Wielandschen Aristophanes-Bildes ist eine Passage aus dem "Agathon". In der ersten Fassung von 1766/67 schreibt Wieland: "So ausgelassen uns auch der asotische Witzling Aristophanes die Damen von Athen vorstellt...". Das entspricht der allgemeinen Haltung jener Zeit. ("asotisch" nennt Wieland den Aristophanes auch 1769 im "Vorbericht" zum "Sokrates mainomenos".) In der zweiten Ausgabe von 1773, 21 Jahre vor seiner ersten Aristophanes-Übertragung, formuliert Wieland: "So ausgelassen und schmutzig die Gemälde sind, welche uns der lüderliche Witzling Aristophanes von den Frauen zu Athen macht...". Als der Roman in den neunziger Jahren erneut erscheint, ist zwar die abwertende Charakterisierung der "Gemälde" aus der zweiten Ausgabe beibehalten, aber sonst gewinnt Aristophanes doch sehr: "So ausgelassen und schmutzig die Gemälde sind, welche der genievollste, witzigste und verständigste aller Possenschreiber, Aristophanes, von den Frauen zu Athen macht...". Wieland hat sich inzwischen intensiv mit Aristophanes beschäftigt, und er hat ihn zu übertragen begonnen; das hat zweifellos Einfluss auf sein Urteil. Natürlich ist der Wandel der Wertung auch durch das Geniedenken jener Zeit geprägt.[118]

Wielands oben skizzierte Haltung in Bezug auf die Wirkung der "Wolken" entspricht zweifellos der antiken Realität. Platon lässt, ich erwähnte es schon, in der "Apologie" von 399 den Sokrates sagen, zu seiner Verurteilung hätten nicht zuletzt die Wolken beigetragen. Etwa 20 Jahre später distanziert sich Platon davon: Er huldigt dem Komödiendichter, indem er im "Symposion" Sokrates freundschaftlich mit Aristophanes diskutieren, Alkibiades aus den "Wolken" zitieren und Aristophanes selbst eine der schönsten Reden dieses Gastmahls halten lässt. Wenn sich Sokrates 399 in seiner Verteidigungsrede – ihren Wortlaut kennen wir nicht – tatsächlich gegen Aristophanes gewandt hat, so mag er gemeint haben, der Hinweis auf den 423 erfolgten Angriff durch einen aristokratischen Gegner des derzeitigen demokratischen Regimes könne zu seiner Entlastung beitragen. Ist die Äußerung aber von Platon fingiert, so ist ihre Bitterkeit dem Schmerz um seinen soeben hingerichteten Lehrer Sokrates zuzuschreiben.

Xenophon, Isokrates, Aristipp

Nach der Beschäftigung mit Aristophanes’ "Wolken" wendet sich Wieland intensiv Xenophon zu, den er seit langem kennt und schätzt, nicht zuletzt als Quelle für Leben und Werk des Sokrates; Xenophon, "der wärmste seiner [Sokrates’] Freunde"[119] bedeutet ihm mehr als der "kalte Schwärmer" Platon (so Wieland im "Aristipp"). 1799 überträgt er "Sokratische Gespräche aus Xenofons ‚Denkwürdigen Nachrichten’ von Sokrates", den "Memorabilien", den "Erinnerungen an Sokrates"; 1802 das "Gastmahl".[120]

Isokrates, dessen "Panegyrische Rede" (Panegyrikos) Wieland 1796 übersetzt, ist für ihn laut Böttiger nach einem Gespräch mit Wieland "unter den Rhetoren ein Sokrates [...] voll Bonhomie", "ein Genosse der Sokratischen Familie"; eine Begründung dafür entdeckte ich bisher nicht.[121]

Eine neue Konzentration positiver Eigenschaften nimmt Wieland 1798 in der Gestalt Aristipps vor. In Bezug auf ihn sind weniger Anachronismen als bei Wielands Sokrates nachweisbar, vor allem, weil hier die Quellen spärlich fließen, so dass viele Züge, wenn sie schon nicht aus antiken Autoren zu belegen sind, so doch auch nicht aus ihnen widerlegt werden können. (In Parenthese eine Parallele: Walter Jens’ Caesar-Fernsehspiel "Die Verschwörung"). In vielen Punkten sind in Horaz und Aristipp, die für Wieland stets in der bei Sokrates beginnenden Tradition stehen, Züge hineinprojiziert, die Wieland selbst eigen waren, der ausgeprägte Kosmopolitismus etwa. Arno Schmidt hat darauf hingewiesen, dass Wielands Griechenbild "weder ‚apollinisch’ noch ‚dionysisch’ (war), sondern – ich wähle den Titel seines eigenen Hauptwerkes – ‚aristippisch’; ein Standpunkt, den außer ihm nie wieder jemand eingenommen hat".[122]

Ausklang

Dass Wieland manches Nachantike, Moderne in seine antikerezipierenden Werke integriert, hängt damit zusammen, dass er nicht historische Romane schreiben oder, um es mit Brecht zu sagen, nicht "philologische Interessen bedienen"[123] wollte; er huldigt weithin dem "Tout comme chez nous", dem Gedanken, dass alles Menschliche sich in einem Kreislauf wiederholt. In seinen Vorlesungen über alte und neue Literatur sagte Friedrich Schlegel, Wielands philosophische Romane hätten ein "Sokratisches Gewand" gehabt (wie Anm. 101). "Wieland hätte gern gesehen, dass seine Zeitgenossen ihm das Epitheton ‚sokratisch’ zuerkannten".[124] (Immerhin hat Schiller ihm "lukianisch-sokratischen Geist" zugebilligt.[125] 1775 wird Wieland als Sokrates apostrophiert, aber nur ironisch, durch den Stürmer und Dränger Lenz.[126]) In der Tat lebte und webte, um es mit Paulus’ Worten zu sagen, Wieland so im Sokrates, dass z. B. Herder 1769, als anonym "Sokratische Gespräche" erschienen, Wieland für den Verfasser hielt; sie stammten aber von "dem ehrlichen Herrn Wegelin".[127] "Wieland hatte eine lebenslange intellektuelle Affaire mit Sokrates" (Reemtsma).[128] Wie immer, man kann Friedrich Schlegel zustimmen, wenn er am 7. 5. 1796 an Böttiger schrieb: "Es ist gewiss nur sehr wenigen Sokratischen Geistern gegeben, diese Reife des Alters mit dieser Wärme und Frischheit der Jugend zu vereinigen"[129] – wobei wir Nach-Sokratiker von dem athenischen Weisen, eine Formulierung der "Genesis" abwandelnd, sagen müssen: Wieland schuf den Sokrates sich zum Bilde, zum Bilde Wielands schuf er ihn.

 



[1]    Vortrag, gehalten 2004 in der "Vereinigung der Freunde der Antike" Bremen, 2003 in der "Kommission Kunstgeschichte, Literatur- und Musikwissenschaft" der Sächsischen Akademie der Wissenschaften Leipzig, 1998 in der Sokratischen Gesellschaft Mannheim. Die dort vorgetragene Fassung erschien unter dem Titel "Können Sie mir auf die Spur verhelfen, wer zuerst den Diogenes den rasenden Sokrates gehalten habe?" in: "Das Lächeln des Sokrates. Sokrates-Studien 4", hrsg. v. Herbert Keßler, Zug (Schweiz) 1999 (= Die Graue Reihe 25), 217 ff. Die jetzt hier gedruckte Fassung ist wesentlich ergänzt und in einigen Punkten korrigiert. Für wertvolle Hinweise danke ich meinem latinistischen Kollegen Reinhard Häußler. – Der Vortragscharakter ist beibehalten, die fast unüberschaubare Forschungsliteratur in Auswahl zitiert. – Wielands Orthographie ist, außer in Titeln, modernisiert.

     Abgekürzt zitierte Literatur:

     - Bantel: Otto Bantel, Christoph Martin Wieland und die griechische Antike, masch. Diss. Tübingen 1953

     - Goethe, WA: Johann Wolfgang Goethe, Weimarer (=Sophien-) Ausgabe

     - Grumach: Ernst Grumach (Hrsg.), Goethe und die Antike, Berlin/Potsdam 1949

     - Jørgensen: Sven-Age Jørgensen u. a., Wieland. Epoche – Werk – Wirkung, München 1994

     - Sokrates-Studien 5: Herbert Keßler/Reinhard Häußler (Hrsg.), Sokrates. Nachfolge und Eigenwege, Zug 2001 (Die Graue Reihe 31)

     - Starnes: Thomas C. Starnes, Christoph Martin Wieland. Leben und Werk, 1-3, Sigmaringen 1987

     - WB: Gottfried Günther, Heidi Zeilinger, Wieland-Bibliographie, Berlin und Weimar 1983 (dazu meine Besprechung in: Weimarer Beiträge 30, 1984, 855 ff.)

     - Werner1998: Jürgen Werner, Der Stückeschreiber und der Sohn der Hebamme. Brecht und das Erbe: Der Fall Sokrates, Leipzig und Stuttgart 1998 (Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, Band 136, H.1). Vgl. dazu P.

      Witzmann, Forum Classicum 2/1999, 91 ff.; H. Brumberger, Anregung 45, 1999, 272; V. Riedel, Gymnasium 107, 2000, 376; R. Müller, Das Altertum 46, 2000, 71 ff.; Sc. G. Williams, International Journal of the Classical Tradition 8, 2001, 165 ff.; H. Schwarz, IANUS 23, 2002, 69; H. Bannert, Wiener Studien für Klassische Philologie 117, 2004, 278.

     - Wieland, Briefwechsel: Christoph Martin Wieland, Briefwechsel, hrsg. v. Hans Werner Seiffert, Berlin 1963 ff. (noch nicht vollständig)

     - Wieland, Gesammelte Schriften: Christoph Martin Wieland, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Bernhard Seuffert und Siegfried Scheibe, Berlin 1909- 40; 1954-75 (einige Bände sind noch nicht erschienen). Neudr. Hildesheim 1986-87.

     - Wieland, Sämmtliche Werke: 45bändige Göschen-Ausgabe Leipzig 1794-1811, Neudr. s. Anm. 29

     Weitere Abkürzungen: E: Entstehung; ED: Erstdruck

[2]    1966 brachte ich in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung Leipzig aus dem Nachlass von Horst Gasse "Erzählungen der Antike" zum Druck (Sammlung Dieterich 304). In der Einleitung und den Erläuterungen musste ich Zeitangaben mit "v. u. Z.", "u. Z." versehen, wie es in der DDR üblich war. (M. W. durften nur die kirchlichen Verlage "v. Chr. (G.)", "n. Chr. (G.)" verwenden.) Der Carl Schünemann Verlag Bremen druckte eine Lizenzausgabe. Dort waren die ‚Leipziger’ Zeitangaben durch "v. Chr.", "n. Chr." ersetzt worden. Sonst waren beide Ausgaben bis zum letzten Komma identisch; nur jener auf den ersten Blick geringfügige Unterschied trennte weltanschauliche Welten. Musste der Leipziger Verlag auf die druckgenehmigenden Institutionen der DDR Rücksicht nehmen, so der Bremer Verlag auf sein Publikum. Das war nicht erstaunlich. Erstaunlich war dagegen, dass diese an vielen Stellen notwendigen Änderungen via Lohndruck in Leipzig (dies war in der DDR ein als Devisenbringer sehr beliebtes Verfahren) in der ohnehin überlasteten ostdeutschen Typographie vorgenommen wurden. – Gelegentlich wurde in der DDR über derlei reflektiert, so in der "Sprachpflege" (Leipzig) 23, 1974, 102 f.: "der Beginn unserer Zeitrechnung kann nicht mit ‚Christi Geburt’ identifiziert werden, weil weder die historische Existenz Jesu Christi noch dessen Geburtsjahr wissenschaftlich nachgewiesen, sondern Sache des Glaubens sind." Gelegentlich ereigneten sich allerdings ‚Unglücksfälle’: so war in "Brockhaus. ABC der Naturwissenschaft und Technik", Leipzig 1955 noch (?) z. B. "Aristarch, 3. Jh. v. Chr." zu lesen (S. 387). – Ähnliche Probleme hatte das Dritte Reich. Dort umging man die Nennung des Namens Christus gern durch Benutzung von "Zeitenwende" ("v. d. Z.", "n. d. Z."), ohne sich Arges dabei zu denken: Erwies man Christus doch um so mehr Ehre, wenn man seine Geburt zur "Zeiten-Wende" machte! Deshalb sollte dieses Lemma nicht in Cornelia Schmitz-Bernings LTI-Buch "Vokabular des Nationalsozialismus" (Berlin, New York 1998) fehlen, s. meine Rezension in "Lexicographica" 18, 2002, 133 ff. – Das Neueste (Nichtweltanschauliche) zum Thema: Erwin Teufel wendet sich gegen Stoibers These, Horst Köhlers Wahl zum Bundespräsidenten sei "ein Stück Zeitenwende" (=Machtwechsel); für Teufel ist nur "das Jahr 1989 ... eine Zeitenwende gewesen" (Berliner Zeitung 25. 5. 2004 S. 1).

[3]    Hermann Bengtson, Einführung in die Alte Geschichte, 8München 1979, 35. In älteren Auflagen fehlt dieser Hinweis, ebenso in fast allen anderen von mir eingesehenen einschlägigen Büchern und Lexikon-Artikeln. Auf die 8. Auflage machte mich dankenswerterweise Ernst Vogt aufmerksam. Vgl. jetzt Astrid Möller, Zeitrechnungssysteme, in: Der Neue Pauly 16, 2003, 539 ff.: Ebd. 562 folgt auf das Jahr 1 v. Chr. das Jahr 1 n. Chr.

[4]    H. Oppermann, Feiern wir Virgils Geburtstag zu spät?, in: Das humanistische Gymnasium 41, 1930, 1218.

[5]    Zuletzt Bd. 5, Zug 2001; s. o. Anm. 1.

[6]    Hrsg. v. Rainer Moritz. München 2002. Moritz ist selbst Fußballer, s. ebd. S 15. Er zitiert mit zahllosen Ausrufezeichen den ominösen Fußball-Artikel des Neuen Pauly. Vgl. dazu J.Werner, Kicker aller Länder, vereinigt euch, in: Forum Classicum 2/ 2004, 165 f. Der Neue-Pauly-Artikel fehlt im Register der deutschen Ausgabe 16, 2003, 19, 3.7 "Sportarten" und in der englischen Ausgabe: Brill’s New Pauly 1, Leiden, Boston 2002.

[7]    Verf.: Stephan Geiger. Düsseldorf 2002.

[8]    Verf.: Stephan Meyer. Luzern 1993.

[9]    Verf.: Jørgen Gaare, Øystein Sjaastad. Hamburg 2003.

[10]   Verf.: John Williams Tyerman. München 1998.

[11]   Verf.: Gerald Grote u. a. Berlin 2000.

[12]   Verf.: Michael Weithmann, München 2003.

[13]   Verf.: Lou Marinoff. Düsseldorf 2000, München 2002.

[14]   Verf.: Kay Hoffmann. Kreuzlingen, München 2001.

[15]   Verf.: Klaus Bartels, Zürich 1986 und weitere Ausgaben. Zu verschiedenen Büchern von Bartels s. meine Rezensionen "Gymnasium" 107, 2000, 186 f.; 111, 2004, 313 f. Zu anderer populärwissenschaftlicher Sokrates-Literatur s. Ursula Homann, Philosophischer Literaturanzeiger 56, 2003, 297 ff.

[16]   Ernst Sandvoss, Sokrates und Nietzsche, in: Sokrates-Studien 5, 281 ff. (das Zitat: 290).

[17]   Zu ihm Jürgen Werner, "Die Welt hat nicht mit den Griechen angefangen". Franz Dornseiff (1888-1960) als Klassischer Philologe und als Germanist, Stuttgart, Leipzig 1999 (Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, Bd. 76, H. 1). Vgl. dazu J. Rabl, Forum Classicum 4/1999, 224; d. w., Litterae Saxonicae 3/ 1999, 20 f.; L. Bluhm, Germanistik 40, 1999, 664 f.; R. Schmitt, Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 9, 1999, 295 ff.; N. N., hochschule ost 1-2/ 2000, 323; F. Schaffenrath, Anregung 53, 2000, 126 f.; R. Müller, Das Altertum 48, 2003, 238 ff.; H. Bannert, Wiener Studien für Klassische Philologie 117, 2004, 278. Vgl. ferner J. W., Textkritisches zu Heinrich Heine und Franz Dornseiff, in: Sächsische Akademie der Wissenschaften, Arbeitsblätter [...] 8, 1999, 19 ff., sowie die Rez. der 8. Auflage von Dornseiffs "Wortschatz" in: Muttersprache 115, 2005, H. 1.

[18]   So in "Aristipp" IV 4: Göschen-Ausgabe 36, 1801 = Neudr. 1984, S. 36 (die Stelle wies mir freundlicherweise Klaus Manger nach).

[19]   Werner 1998: 11. Olof Gigon, Sokrates, 2., ergänzte Aufl. Bern 1979, 113 ff. (121 ff.: positive Bewertungen bereits in der Antike). Vgl. o. Anm. 12. Zu Neuerem: Georg Wöhrle, Zweimal Xanthippe bei Frank Wedekind und Bertold Brecht, in: Antike und Abendland 48, 2002,
180 ff.

[20]   Sokrates. In: Hellmut Flashar (Hrsg.), Grundriß der Geschichte der Philosophie ("Überweg/Prächter"), völlig erneuerte Ausgabe, 2/1, Basel 1998, 141 ff. (Kurzfassung: Gymnasium 99, 1992, 1 ff.); Bibliographie: 324 ff. Allerdings war Redaktionsschluss schon 1994/96; das macht sich vor allem bei der Bibliographie bemerkbar. Vgl. Döring, Sokrates, in: Friedo Ricken (Hrsg.), Philosophen der Antike I, Stuttgart usw. 1996, 178 ff. und in: Der Neue Pauly 11, 2001, 674 ff.

[21]   Tusc. V 4, 10. Vgl. Acad. I 15 und Brutus 31.

[22]   So z. B. Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24., durchges. und erweit. Aufl. bearb. v. Elmar Seebold, Berlin, New York 2002, und Duden, Das Herkunftswörterbuch, 3., völlig neubearb. und erweit. Aufl., Mannheim usw. 2001(Duden Band 7).

[23]   J. Werner, "Ab ovo" bis "Veni vidi Vicco". Geflügelte und geprügelte Worte der lateinischen Sprache, in: Mitteilungen des Deutschen Altphilologenverbandes 3/1996, 128 ff., und in: Kritische Fragen an die Tradition. Festschrift für Claus Träger zum 70. Geburtstag, hrsg.v. Marion Marquardt u. a., Stuttgart 1997 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 340), 596 ff.

[24]   Gerhart Schmidt, Hegels Urteil über Sokrates, in: Herbert Keßler (Hrsg.), Sokrates. Geschichte Legenden Spiegelungen (Sokrates-Studien 2 = Die Graue Reihe 14), Zug 1995, 275 ff. (das Zitat: 289).

[25]   Wie o. Anm. 16: 285.

[26]   Werner 1998: 13 f.

[27]   Zu deutsch "Dämon" ausführlich: Deutsches Fremdwörterbuch, 2., völlig neu bearb. Aufl., Bd. 4, Berlin, New York 1999, 23-36. Zu diesem wichtigen Nachschlagewerk s. meine Rezensionen, zuletzt im Anzeiger für die Altertumswissenschaft 56, 2003, 254 ff.

[28]   Werner 1998; Döring bei Flashar (o. Anm. 20); Sokrates-Studien 1-5 (1993 ff.), s. o. Anm. 1; Der fragende Sokrates, hrsg. v. Karl Pestalozzi, Leipzig, Stuttgart 1999 (Colloquium Rauricum 6); D. Liebsch, Sokratik, Sokratismus, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 9, Basel 1995, 1000 ff.; M. Laarmann, Sokrates im Mittelalter, in:Lexikon des Mittelalters 7, München 1995, 2027 f.; Karlfried Gründer, Sokrates im 19. Jahrhundert, in: Hans Fromm u. a. (Hrsg.), Verbum et signum. Beiträge ... (Festschr. Friedrich Ohly), Bd. 1, München 1975, 539 ff. (beim Rückblick auf das 18. Jahrhundert [541] fehlt Wieland). – Benno Böhm, Sokrates im 18. Jahrhundert, liegt jetzt in 2. Aufl. vor: Neumünster 1966 (Kieler Studien zur deutschen Literaturgeschichte 4 [fehlt in WB].) Vgl. u. Anm. 66. – Nichts zur Rezeption bei Christoph Kniest, Sokrates zur Einführung, Hamburg 2003; wenig bei Eva-Maria Kaufmann, Sokrates, München 2000, Ekkehard Martens, Sokrates. Eine Einführung, Stuttgart 2004 (erweiterte Ausgabe seines Buches von 1992), Karl Ronske, Nachgefragt bei Sokrates [...], Würzburg 2004. Nicht zugänglich war mir Lars O. Lundgren, Sokratesbilden. Fran Aristofanes till Nietzsche, Stockholm 1978 (zitiert: Germanistik 25, 1984, S. 406).

[29]   Die "Sämmtlichen Werke" enthalten nicht die Übersetzungen; das publizistische Werk nur zum Teil. 1797 plant Wieland eine Separatedition seiner Übersetzungen aus dem Griechischen und dem Lateinischen, wobei die Lukian- und die Horazübersetzung im Vordergrund stehen, die er für diesen Zweck revidieren will. Das Projekt scheitert daran, dass der Verleger der unruhigen Zeiten wegen vorsichtig disponieren muss. – Der Neudruck der "Sämmtlichen Werke" ist der von Jan Philipp Reemtsma geleiteten "Hamburger Stiftung zur Förderung von Kunst, Wissenschaft und Kultur" zu danken. Reemtsma hat auch sonst beträchtliche Verdienste um die Verbreitung von Wielands Werken: J. Ph. R., Hans und Johanna Radspieler (Hrsg.), Christoph Martin Wieland, Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, Zürich 1993 (C. M.Wieland, Werke in Einzelausgaben, hrsg. v. J. Ph. R.); C. M. W., Peregrinus Proteus, hrsg. v. Hans Radspieler, Nördlingen 1985 (C. M. Wieland, Werke in Einzelausgaben). Auch an der wissenschaftlichen Erschließung von Wielands Oeuvre hat sich Reemtsma beteiligt, so durch seine Hamburger Dissertation "Das Buch vom Ich. Christoph Martin Wielands ‚Aristipp und einige seiner Zeitgenossen’" (1992). Dazu Manfred Fuhrmann, Sprich, Oßmannstedt, sprich: Jan Philipp Reemtsma entdeckt seinen Wieland, in: M. F., Europas fremd gewordene Fundamente, Zürich 1995, 130ff.

[30]   Viel Material, wenn auch nicht vollständig, bei Hans-Jürgen Gaycken, Christoph Martin Wieland. Kritik seiner Werke in Aufklärung, Romantik und Moderne, Bern und Frankfurt a. M. 1982 (Europäische Hochschulschriften, Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 558); vgl. WB Nr. 3929. Bis nach 1945 reicht Harry Ruppel, Wieland in der Kritik ... Frankfurt a. M. 1980. Vgl. u. Anm. 108-112.

[31]   S. Maria Erxleben. Goethes Farce "Götter, Helden und Wieland", in: Christoph Martin Wieland und die Antike. Eine Aufsatzsammlung, Stendal 1986 (Beiträge der Winckelmann-Gesellschaft 14), 77 ff. Vgl. Uwe Petersen, Goethe und Euripides, Heidelberg 1974, 18 ff.

[32]   Die – spätere – Übersetzung Wielands liegt in folgenden Ausgaben vor: einem fotomechanischen Neudruck der Originalausgabe von 1788/89, Darmstadt 1971 ("Unkommentiert" [Jaumann bei Jørgensen 145] meint: ‚nur’ mit Wielands Einleitungen, Anmerkungen, Exkursen etc., ohne modernen Kommentar; zu der Darmstädter Ausgabe s. meine Besprechung: Deutsche Literaturzeitung 92, 1971, 1009 ff.) und einer modernen Leseausgabe ohne Reproduktion der zahlreichen Druckfehler, mit Verständnishilfen, die, bei häufigem Rückgriff auf Wielands geistvolle Erläuterungen, völlig neugestaltet sind (290 S. Einleitung, Register, Anmerkungen), Berlin, Weimar 1974 (21981); dazu s. meinen Aufsatz "Wenn du dir aus dem Meßkatalog einiges aussuchst, so vergiß Wielands Lukian nicht", Philologus 129, 1985, 121 ff. (130 f.). Die Bearbeitung durch Floerke (1911; WB Nr. 1439), die merkwürdigerweise in "Metzler Lexikon antiker Autoren", Stuttgart, Weimar 1997, empfohlen wird, ist heute nicht mehr brauchbar. Die "Totengespräche" fehlen in der Wieland-Auswahl ("Neudruck der Lukian-Übersetzung" [Jaumann bei Jørgensen 204] ist falsch) "Lukian von Samosata, Lügengeschichten und Dialoge", hrsg. v. Hans Radspieler u. a., Nördlingen 1985 (Die andere Bibliothek, hrsg. v. Hans Magnus Enzensberger). Vgl. jetzt auch Manuel Baumbach, Lukian in Deutschland, München 2002 (Poetica. Beihefte 25; dazu meine Rezension: Gnomon 75, 2003, 304 ff.) sowie Herbert Jaumann, Totengespräch. in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 3, Berlin, New York 2003, 653 ff.

[33]   "Goethe, oder Göthe, wie er sich ebensogern schrieb" (29); "W. Göthe, nicht Goethe, zeigen auch die fast gleichzeitigen Titelblätter von ‚Clavigo’ und von ‚Stella’" (31). Bormann reklamiert für seine Erklärung auch V. 2-3 des zunächst ebenfalls anonym edierten Wielandschen "Oberon": ... Zum ritt ins alte romantische land!

     Wie lieblich um meinen entfesselten busen ...

     sowie V. 1-3 der "Zwölf Moralischen Briefe" (1752):

      Wie l/iebenswürdig ...

      An/ d/em ...

      D/er ...

     "so dass man lesen kann Zeile 1,2: Wie l An d; oder Zeile 1,2,3: Wie l An D"

 (31).

[34]   Zu ihrer Entstehung und ihrer Wirkung, soweit nicht hier skizziert, s. die Kommentare zu "Götter, Helden und Wieland" z. B. in der Gedenkausgabe und der Edition des Deutschen Klassikerverlags; Goethe-Handbuch 2, 1996, 55 f.; Gräf, Goethe über seine Dichtungen 2, 1906 = Neudr. 1968, 1 ff.; Quellen- und Druckgeschichte von Goethes Werken 4: Einzelnes, Berlin 1984, 734 f.

[35]   Sauder, Goethe-Handbuch 2, 1996, 55 f. (56) sowie o. Anm. 30 und 32 f.

[36]   Korrigiert aus "Wrexekekek", lautmalende Wortmeldung der Titelhelden in Aristophanes’ "Fröschen" (405 v. Chr.) in der im 18. Jahrhundert häufigen neugriechischen, reuchlinischen Aussprache; in der uns geläufigen erasmischen hieße es "Brekekekex".

[37]   Der Teutsche Merkur vom Jahr 1774, 6. Bd., 3. St., 351 f. (Replik), 321 ff. ("Götz"-Rezension).

[38]   Vgl. z. B. Sauder (o. Anm. 35) 1153 ff. Für den "ganz trefflich" "Oberon" schenkt Goethe Wieland einen Lorbeerkranz; dazu gibt es keine Parallele (ebd.) Die Versifikation der "Iphigenie" nahm Goethe auf Wielands Anregung vor.

[39]   Die Belege in den o. Anm. 30 und 34 f. angeführten Arbeiten.

[40]   Dazu Bantel; den o. Anm. 31 zitierten Band; Jan Cölln, Philologie und Roman. Zu Wielands erzählerischer Reproduktion griechischer Antike im "Aristipp", Göttingen 1998 (Palästra 303); Volker Riedel, Antikerezeption in der deutschen Literatur vom Renaissance-Humanismus bis zur Gegenwart, Stuttgart, Weimar 2000, 144 ff. Erst nach Manuskript-Abschluss zugänglich war mir dank der Freundlichkeit von Frau Viia Ottenbacher (Wieland- Museum Biberach): William H. Clark, Christoph Martin Wieland and the legacy of Greece: aspects of his relation to Greek culture, masch. Diss. Columbia University, New York 1954; Kurzfassung in: Diss. Abstracts 14, Ann Arbor, Mich. 1953-54, Nr. 8, S. 1219 f. Im übrigen geht fast jede Publikation zu Wieland auch auf Antike-Bezüge ein.

[41]   Wilhelm von Humboldt, Briefe an Friedrich August Wolf, hrsg. v. Philipp Mattson, Berlin, New York 1990, 308. Vgl. J. Werner, "Das Vößlein ist ja bei den ‚Acharnern’ noch mehr acharné", Rhein. Museum 147, 2004, 190 ff.

[42]   Brief Humboldts an Wolf vom 1. 9. 1795: Mattson (wie o. Anm. 42) 126.

[43]   Jürgen Werner, Studien zur Geschichte der Aristophanes-Verdeutschung, masch. Habil.-Schrift Leipzig 1965, 111 ff.., und "Die Übersetzungen des Aristophanes geben keine Vorstellung vom Werte des Originals", in: SKENIKA. Festschr. f. Horst-Dieter Blume, hrsg. v. Susanne Gödde und Theodor Heinze, Darmstadt 2000, 389 ff. (390). Vgl. Schillers Werke, Nationalausgabe 15 I: Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen, hrsg. v. Heinz Gerd Ingenkamp, Weimar 1993, 211 ff.: Schillers Kenntnis des Griechischen ... Zu diesem Band s. Manfred Fuhrmann, zuletzt in M. F., Europas fremd gewordene Fundamente (o. Anm. 29).

[44]   August Wilhelm Schlegel, Sämmtliche Werke, hrsg. v. Eduard Böcking, Leipzig 1846 (Neudr. Hildesheim, New York 1971) 2, 212.

[45]   Ebd. 2, 233.

[46]   Werner 1998: 5 ff.

[47]   Vana Greisenegger-Georgila, Hans Jörg Jans, Was ist die Antike wert? Griechen und Römer auf der Bühne von Caspar Neher, Wien usw. 1995. Neher besucht 1907 ff. das humanistische Gymnasium St. Anna in Augsburg (S. 69).

[48]   Zu ihr J. Werner, die "Bibliothek der Antike", Klio 64, 1982, 195 ff.

[49]   Antike Tragödie auf deutschsprachigen Bühnen, in: Dissertatiunculae criticae. Festschrift für Günther Christian Hansen, Würzburg 1998, 500 Anm. 9.

[50]   Zu den Griechischkenntnissen damaliger Repräsentanten unserer Literatur: J. Werner, Studien (o. Anm. 44) passim. – Speziell zu Wieland: ders., "Wenn du dir ..." (o. Anm. 32); Bantel 404 ff., 420 ff. – Zu Friedrich Schlegel: E. G. Schmidt, Jenaer Gräzistik um 1800, in: Friedrich Strack (Hrsg.), Evolution des Geistes: Jena um 1800, Stuttgart 1994, 247, 259 ff. – Zu Friedrich Hölderlin: J. Werner, in: F. H., Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. v. Günther Mieth, Berlin, Weimar 1970, 2Berlin 1985, Bd. 3, 554; ders. Zur Geschichte der deutschen Pindarübersetzung, in: Antikerezeption Antikeverhältnis Antikebegegnung inVergangenheit und Gegenwart, Festschr. f. Johannes Irmscher, hrsg. v. Max Kunze und Jürgen Dummer, Stendal 1983 [recte:1988], Bd. 2, 577 ff.

[51]   Forum Classicum 2/2001, 99.

[52]   Beide ediert zuletzt von Manfred Fuhrmann: Christoph Martin Wieland, Übersetzung des Horaz, Frankfurt a. M. 1986 (Christoph Martin Wieland, Werke in zwölf Bänden 9 [Bibliothek deutscher Klassiker 10]). – Etwas irritierend die metrische Form des Horaz-Mottos vom "Sokrates mainomenos" in allen von mir eingesehenen Ausgaben, soweit sie das Motto mitdrucken: "Insani sapiens, aequus ferat, nomen iniqui" (Horaz, Briefe 1, 6, 15). Ein korrekter Hexameter liegt nur vor bei der in unseren Horaz- Editionen üblichen Fassung "Insani sapiens nomen ferat, aequus iniqui", und so teilt ihn z. B. Fix (o. S.11) in seinem Kommentar mit. In dem lateinischen Text, den Wieland seiner Übersetzung der Horaz-Briefe seit der "neuen verbesserten Auflage", Leipzig 1790 (2ebd. 1801, 3ebd. 1816) beigibt, hat der Vers die korrekte Form. So auch in Fuhrmanns Ausgabe S. 125. Quandoque bonus dormitat Homerus! Was Wieland als hervorragendem Kenner der alten Sprachen offenbar gelegentlich widerfuhr (Fuhrmann hat dann und wann stillschweigend "offensichtliche Fehler, vor allem Verstöße gegen das Versmaß [...] getilgt": S. 1097), kann natürlich auch beim Motto des "Sokrates mainomenos" geschehen sein. – Auch sonst wird immer wieder auf Wielands Übertragung zurückgegriffen, z. B. bieten OttoWeinreich, Antike Satiren, Zürich und Stuttgart 1949 (Die Bibliothek der Alten Welt) und Reimar Müller, Horaz, Werke (deutsch), Leipzig 1984 (RUB 431) sämtliche Horaz-Satiren (außer I 2) in der Verdeutschung von Wieland; Müller auch Horaz’ Briefe.

[53]   J. Werner, Philhellenismus, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4., völlig neubearb. Aufl., Bd. 6, Tübingen 2003, 1268 f.; ausführlicher demnächst in der Festschrift für Steffen Günther Henrich.

[54]   Kurz ging ich darauf schon ein in: Forum Classicum 3/2001, 192 f.

[55]   Vgl. das – naturgemäß lückenhafte – "Alphabetische Verzeichnis der Wieland-Bibliothek, bearbeitet nach dem ‚Verzeichniß der Bibliothek des verewigten Herrn Hofraths Wieland’, (Weimar) 1814" von Klaus-P. Bauch und Maria-B. Schröder, Hannover 1993 (Schriftenreihe des Antiquariats Klaus-P. Bauch 1). Von dem "Verzeichniß" gibt es einen Neudruck (München 1977). Zur Frage, was Wieland besessen oder doch gekannt hat, s. Cölln (o. Anm. 41) 228.

[56]   1979 ist diesem bedeutenden Übersetzer zu Ehren ein Wieland- Übersetzerpreis gestiftet worden. Dazu: Neuer Wieland-Übersetzerpreis, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, 35, 1979, 650; Walter Jens, Wieland als Übersetzer. Bis heute nicht überholt, ebd. 2190 ff., unter dem Titel "Christoph Martin Wieland. Probleme eines Übersetzers", auch in: W. J., Ort der Handlung ist Deutschland, München 1981, 185 ff.

[57]   Acharner, 1794; Ritter, Wolken 1798; Vögel, 1806. Zu Wielands Aristophanes-Übersetzungen s. Werner, Studien (o. Anm. 44) 90 ff. Vgl.: ders., Aristophanes-Übersetzung und Aristophanes-Bearbeitung in Deutschland, zuletzt in: Aristophanes und die Alte Komödie, hrsg. von Hans- Joachim Newiger, Darmstadt 1975 (WdF 265), 459 ff.; ders., Welcker als Aristophanes-Übersetzer, in: Orchestra. Drama – Mythos – Bühne. Festschr. f. Hellmut Flashar, hrsg. v. Anton Bierl u. a., Stuttgart, Leipzig 1994, 363 ff.; ders., "Die Übersetzungen des Aristophanes" (o. Anm.44) und "Das Vößlein" (o. Anm. 42; hier geht es um Friedrich August Wolfs Aristophanes-Übertragungen und die Attacken der Familie Voß gegen sie).

[58]   Zuletzt in: Xenophon, Sokratische Denkwürigkeiten, hrsg. v. Jan Philipp Reemtsma, Frankfurt/M. 1998 (Die Andere Bibliothek). Zu Reemtsma vgl. o. Anm. 29.

[59]   Vgl. o. Anm. 32.

[60]   Neudruck Berlin 1972/75.

[61]   Dazu Hendrik Birus, Reallexikon (wie o. Anm. 32 Ende), 3, 825 ff.

[62]   Im Rahmen der inzwischen leider abgebrochenen Ausgabe "Werke in 12 Bänden" (Frankfurt/M. 1986 ff.) erschienen 1986 und 1988 Klaus Mangers vorzügliche, reich kommentierte Editionen des "Agathon" und des "Aristipp". Manger hat sich auch mit zahlreichen anderen Publikationen um Wieland außerordentlich verdient gemacht.

[63]   Das Wort "Sokratisch" fehlt im Grimmschen wie im Trübnerschen Wörterbuch; ein relativ kurzer Artikel findet sich in: Deutsches Fremdwörterbuch (" Schulz/Basler") 4, Berlin, New York 1977, 249 f. Vgl. ferner Liebsch (o. Anm. 28).

[64]   Den Tod beider vergleicht auch Seneca, Epistulae morales 13, 14; 104, 27-33. Allerdings liegt für ihn bei Sokrates kein "voreiliger Tod" vor (ebd. 70, 9): Sokrates hat sich nicht im Gefängnis zu Tode gehungert, um sich der Hinrichtung zu entziehen: Michael von Albrecht, Sokrates und Seneca, in: Sokrates-Studien 5, 261 ff. (266 f.). Woldemar Görler "fällt auf, dass die Hinrichtung des Sokrates hier [Cic., Tusc. 1, 74] geradezu als Freitod gilt" (Sokrates bei Cicero, in: Sokrates-Studien 5, 233 ff. [247]).

[65]   Klaus Döring, Exemplum Socratis. Studien zur Sokratesnachwirkung in der kynisch-stoischen Popularphilosophie der frühen Kaiserzeit und im frühen Christentum, Stuttgart 1979 (Hermes Einzelschriften 42), 130.

[66]   Wieland, Sämmtliche Werke 29, 111.

[67]   Zu Diogenes und zum Kynismus: Marie-Odile Goulet-Cazé, Der Neue Pauly 3, 1997, 598 ff. und 6, 1999, 969 ff.; Döring bei Flashar (o. Anm. 20), 280 ff., 355 ff.; Georg Luck, Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker [...] Stuttgart 1997 (KTA 484); Margarete Billerbeck (Hrsg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, Amsterdam 1991; Luis E. Navia, Diogenes of Sinope, Westport, London 1998. Zur Rezeption: Heinrich Niehues-Pröbsting, Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus, München 1979, 21988 (Humanistische Bibliothek I 40); ders., Wielands Diogenes und der Rameau Diderots, in: H. Niehues-Pröbsting, Peter Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft", Frankfurt a. M.1987 (es 1297), 73 ff.; ders., Die Kynismus-Rezeption der Moderne [...], in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 40, 1992, 709 ff.; Döring, Der Neue Pauly 14, 2000,1154 ff.

[68]   Schon Diogenes hat kynikós als "Trutznamen" (à la Geuse usw.) verwendet.

[69]   Zu "Kyniker/Zyniker": Niehues-Pröbsting, Kynismus (o. Anm. 68); Deutsches Fremdwörterbuch ("Schulz/Basler") 6, Berlin, New York 1983, 439 ff.

[70]   Gabriele Giannantoni (Hrsg.), Socratis et Socraticorum reliquiae, Neapel 1990, 2,254. Zu Wielands "ambivalenter Einstellung zum Konzept ‘deutsche Nation’" s. Irmtraut Sahmland, Christoph Martin Wieland und die deutsche Nation. Zwischen Patriotismus, Kosmopolitismus und Griechentum, Tübingen 1990. Unergiebig für unseren Zweck: Peter Coulmas, Weltbürger. Geschichte einer Menschheitssehnsucht, Reinbek 1990.

[71]   Berichtet und kommentiert wird dies von Niehues-Pröbsting, Kynismus (o. Anm. 68) 109.

[72]   Karl Aug. Böttiger, Literarische Zustände und Zeitgenossen ..., München, Leipzig 1838 = Neudr. Frankfurt/M. 1972, 1, 205.

[73]   Ebd.

[74]   Brief Nr. 108 vom 20. 03. 1770: Wieland, Briefwechsel 4, 112.

[75]   Brief Nr. 83 vom 17. 02. 1770:ebd. 4, 92. Zu Wielands Staatsutopie s. Hans- Joachim Mähl, Die Republik des Diogenes, in: Wilhelm Voßkamp (Hrsg.), Utopieforschung, Frankfurt a. M. 1985 (st 1159), 3, 50 ff. (textlich identisch mit der Ausgabe Stuttgart 1982). In manchen Ausgaben, so in der Gruberschen, Bd. 13, Leipzig 1819, ist "Die Republik des Diogenes" im Anschluss an den "Sokrates mainomenos" bzw. unter dem Titel "Nachlass des Diogenes ..." gleichsam als ein selbständiges Werk gedruckt (o. S. 9).

[76]   Leipzig 1984 (Sammlung Dieterich 77).

[77]   Sehr schön der Vergleich der Szenerie von Ciceros "De Oratore" mit der "weniger bequemen" ihres Sokratischen Vorbildes in Platons "Phaidros" bei Woldemar Görler, Sokrates bei Cicero, in: Sokrates-Studien 5, 233 ff. (238). Kierkegaard weist allerdings darauf hin, dass es nicht genüge, die Ähnlichkeit in der Unabhängigkeit vom sinnlichen Genuss zu sehen. Der Kynismus sei der negative Genuss, das Genießen des Mangels. Der Kyniker sei nicht unbekannt mit der Lust, suche eine gewisse Befriedigung jedoch darin, ihr nicht nachzugeben – der Genuss besteht dann darin, auf das Genießen verzichten zu können.

[78]   Brief Nr. 569: Wieland, Briefwechsel 3, 559.

[79]   WA I 42, 29 = Grumach 2, 798. Johann Fischart, Der new Eulenspiegel Reimenweiß (1572) nennt seinerseits seinen "Titelschalk" einen "Diogenischen Spottvogel", den Diogenes den "Eulenspiegelisch Philosophum": Niehues-Pröbsting, Der Kynismus (o. Anm. 68) 221.

[80]   Gerhart Schmidt, Sokrates-Studien 2, 1995, 289.

[81]   Giannantoni (o. Anm. 71) 2, 254: Aelian Nr. 59 also ist entscheidend, nicht Diogenes Laertius 6, 54 (damit berichtige ich "Können Sie mir ..." [o. Anm. 1] 226). Die Stelle bei Diogenes Laertius ist überdies umstritten: Wird Diogenes nach seiner Meinung über Platon gefragt und nennt ihn einen "Sokrates mainomenos"? Oder wird umgekehrt Platon nach seiner Meinung über Diogenes gefragt und nennt ihn einen "Sokrates mainomenos"? Die neuere Forschung bevorzugt – wie schon Wieland, s. o. S. 11f. – letztere Deutung, z. B. Navia (o. Anm. 68) 162, 176. Rätselhaft H. Jaumann bei Jørgensen 82 zu "Sokrates mainomenos": "eine Benennung, die schon bei Aristophanes und Euripides in Umlauf gewesen sein soll".

[82]   Auch nicht von Bantel (der auf den "Sokrates mainomenos" überhaupt nur beiläufig eingeht). Dasselbe gilt für Klaus Schäfer, Christoph Martin Wieland, Stuttgart 1996 (Sammlung Metzler 295) und seinen Vorläufer: Cornelius Sommer, Christoph Martin Wieland, Stuttgart 1971 (Sammlung Metzler. Realienbücher für Germanisten. D: L 95).

[83]   Für mich nicht einleuchtend ist die Begründung, die Niehues-Pröbsting, Kynismus-Rezeption (wie o. Anm. 68) 715 für die Titeländerung gibt: "Sokrates mainomenos erschien ihm [Wieland] zu anrüchig: denn sein Diogenes sollte kein unverschämter Narr sein, wie er etwa bei Diogenes Laertius und Athenäus dargestellt werde".

[84]   Wieland erwähnt im "Vorbericht" zum "Sokrates mainomenos" die Erzählung "Geschichte des Schaumlöffels", "L’ Ecumoire ou Tanzai et Néardané" von Claude-Prosper Jolyot de Crébillon (1734), die "beinahe das nämliche Schicksal gehabt" habe. s

[85]   Sie sind in WB Nr. 636 genannt. Mir waren sie, soweit sie im Wieland- Museum Biberach vorliegen, durch die Freundlichkeit von Frau Viia Ottenbacher zugänglich, allerdings erst nach Ms.-Abschluss.

[86]   Starnes 2, 458.

[87]   Später hat er Gründe, die Erfurter Zeit nicht mehr so rosig zu sehen: Starnes 1, 393 f.

[88]   R. Deusch, Wieland in der zeitgenössischen Buchillustration, Stuttgart 1964, 25, Nr. 18: "Titelkupfer, Titelvignette, 3 Kupfer [...] 8 Textvignetten, sämtlich [...] unbezeichnet, nach Oeser von Geyer", das Titelkupfer ebd. 31; es ist auch in der Fixschen Ausgabe (o. Anm. 77) verwendet. Ausführlicher R. Oehler, Adam Friedrich Oesers Bücherillustrationen, in: Jahrbuch der Sammlung Kippenberg 5, 1925, 22 ff. (86 f.). Deusch 25 zitiert Wielands Brief an Gleim vom 8. 12. 1769 (Wieland, Briefwechsel IV 65): "Oeser macht ganz delicieuse Vignetten dazu, wovon eine in meinen Augen alles übertrifft, was ich in dieser Art noch gesehen habe – welsche und französische nicht ausgenommen". Goethe äußert im Hinblick auf diese Illustrationen in einem Brief vom 20. 2. 1770 an Philipp Erasmus Reich: "Oesers Empfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu segnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe ...". (WA IV 1, 230). Die Titelvignette auch bei Ulrich Konrad und Martin Staehelin, allzeit ein buch. die bibliothek Wolfgang Amadeus Mozarts, Weinheim 1991, 68 ff.), mit Erläuterungen, in denen freilich Diogenes als "Zyniker" bezeichnet ist (dazu o. Anm. 70). Das Bändchen "Titelkupfer zu Wielands Werken", Weimar 1984, enthält lediglich auf S. 13 "Chárea" (richtig: Chärea); dazu heißt es im Inhaltsverzeichnis S. XXIX, es stamme von Johann Heinrich Ramberg, Nachlass des Diogenes von Sinope (in WB nicht nachgewiesen), und auf S. V, das Werk enthalte "4 Kupfer und 9 Vignetten nach Oeser; Stecher: Ludwig Mayer (tätig Anf. 19. Jh.)". Wielands Text "Chärea" steht in: Wieland, Sämmtliche Werke 52 (Supplementband), 1826, 36 ff. (Band-Titel: C. M. Wielands Selbst- Schilderung in der Erläuterung der die letzte Ausgabe begleitenden Kupfer-Sammlung von J. G. Gruber.) Kein Rambergscher Beitrag zum "Sokrates mainomenos" findet sich bei Ferdinand Stuttmann, Johann Heinrich Ramberg: Illustrationen zu deutschen Klassikern, Hannover 1963 (Handzeichnungen II, in: Bildkataloge des Kestner-Museums Hannover V). Der "Sokrates mainomenos" ist auch nicht berücksichtigt in: Johann Gruber, Kupfersammlung zu Wielands sämmtlichen Werken. 49 Blätter, Leipzig, Sorau 1824; offenbar(Gruber hat keine Vorrede o. ä.) wiesen nur die Einzelausgaben des "Sokrates mainomenos" Illustrationen auf.

[89]   Undatiert, wohl vom 6. 2. 1770: Goethes Briefwechsel mit Christian Gottfried Hermann, Nr. 59, WA IV 1, 227 = Grumach 2, 797.

[90]   Jaumann bei Jørgensen 82.

[91]   Vom 20. 2. 1770, Nr. 60, WA IV 1, 230 = Grumach 2, 797.

[92]   WA I 37, 94 = Grumach 2, 797.

[93]   WA IV 31, 90 = Grumach 2, 799. Eine Antwort Riemers fand ich nicht. Soweit die Goethe-Briefeditionen überhaupt darauf eingehen, haben sie nur Kommentare wie "zur Sache nichts Näheres ermittelt" (Ausgabe des Deutschen Klassikerverlages).

[94]   WA I 36, 311 ff.; dazu Friedrich Sengle, Goethes Nekrolog [...], Modern Language Notes 99, 1984, 633 ff., auch in F. S., Neues zu Goethe. Essays und Vorträge, Stuttgart 1989, 157 ff. Vgl. Thomas C. Starnes’ Wieland- Artikel, Goethe-Handbuch 4/2, 1998, 1152 ff. Zum überwiegend positiven Verhältnis Wieland/Goethe s. Klaus Manger bei Walter Killy (Hrsg.), Literatur Lexikon 12, Gütersloh, München 1992, 313. – Wielands "Sokrates mainomenos oder die Dialogen des Diogenes von Sinope" fehlt bei Elisabeth Frenzel, Stoffe der Weltliteratur, 8., überarb. und erweit. Aufl. Stuttgart 1992 (KTA 300) s. v. "Sokrates" und bei Eric M. Moormann, Wilfried Uitterhoeve, Lexikon der antiken Gestalten mit ihrem Fortleben in Kunst, Dichtung [gemeint ist Literatur überhaupt] und Musik, Stuttgart 1995 (KTA 468) s. vv. "Sokrates" und "Diogenes" (Frenzel hat kein Stichwort "D.").

[95]   Vgl. o. Anm. 58.

[96]   Über Sokrates’ Verhältnis zur Sophistik vgl. etwa Wilhelm Nestle, Griechische Geistesgeschichte, Stuttgart 1944 (KTA 192) 21956, 252 ff. Vgl. o. S. 2 f.

[97]   Auch für Goethe ist Euripides ein "Freund des Sokrates": "Götter, Helden..." = WA I, 38, 21; Grumach 2, 750.

[98]   Immerhin hat Wieland – nicht von ihm stammende – Aischylos- Übersetzungen im "Attischen Museum" zum Druck gebracht: "Die Perser [...] des Aeschylos [solche griechisch-lateinische Mischformen waren Seinerzeit üblich] mit Einleitung und Anmerkungen" (IV 1, 1802, 1 ff.; sie stammt von Jacobs: Starnes 3, 83) und "Der gefesselte Prometheus [...] des Aeschylos" (III 3, 1801, 339 ff.).

[99]   Vgl. o. Anm. 32. Für Nietzsche waren Wielands Übertragungen der Cicero- Briefe und Lukians die jeweils "besten deutschen Übersetzungen": Menschlich, Allzumenschliches II, 107. Stück (Nietzsche, Werke 2, 599). Dies kann hier nicht diskutiert werden.

[100] Friedrich Schlegel, Geschichte der alten und neuen Literatur 6: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe 6, München usw. 1961, 388.

[101] Jaumann bei Jørgensen 76. Ebd. 185 zitiert er Leo Colze: "War [...] Wielanden Sinnlichkeit eine epikureische Schweinheit?", in: Christoph Martin Wielands Romantische Erotik, hrsg. v. L. C., Berlin 1913; 186: Ludwig Heinrich Christian Hölty, Der Wollustsänger [...], in: Musenalmamach auf das Jahr 1775, 230 f. Vgl. das Kapitel "Der epicureische Sittenverderber" im Kapitel zur Wielandrezeption: Jaumann bei Jørgensen 194 ff.

[102] Wielands Musarion. In: Wieland. Vier Biberacher Vorträge 1953, Wiesbaden 1954, 54 f.

[103] Georg Christoph Lichtenberg, Brief vom 28. 1. 1775 an Johann Christian Dietrich, in: G. Chr. L., Briefwechsel hrsg. v. Ulrich Joost und Albrecht Schöne, 1, München 1983, 505. – Ludwig Heinrich Christian Hölty, Der Wollustsänger. An Voß, in: Musenalmanach auf das Jahr 1775, Göttingen 1775, 230 f.

[104] Vgl. J. Werner, Keine "individuelle Geschlechtsliebe" in der Antike?, in: Klio 71, 1989, 528 ff. (Widerlegung einer These von Friedrich Engels); ders., Der weibliche Homer: Sappho oder Anyte? [u. a. zur Rolle der Frau in Schadewaldts Menschenbild], in: Philologus 138, 1994, 252 ff.

[105] J. Werner, Kenntnis und Bewertung fremder Sprachen bei den antiken Griechen I, in: Philologus 133, 1989, 169 ff. (173 ff.: "Exkurs: deutsch Barbar").

[106] Symptomatisch für den Paradigmenwechsel: Bei Grumach hat Homer 98 Seiten gegenüber Vergil mit 7 S.!

[107] Dazu zuletzt eindringlich Jaumann bei Jørgensen bes. 196 ff.

[108] Vgl. A. Horstmann, Kosmopolit, Kosmopolitismus, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4, Basel, Stuttgart 1976, 1160: "Maßgeblich befördert wird die Entwicklung des K. durch die Schriften C. M. Wielands".

[109] Jaumann bei Jørgensen 191 ff. mit der bekannten Attacke der Brüder Schlegel im "Athenaeum" 2, 1799 (Neudr. Berlin 1960), 340:

  

[110] Vgl. "Athenaeum" 2, 1799, 331: "Wieland wird Supplemente zu den Supplementen seiner Sämmtlichen Werke herausgeben ..."

[111] s. o. Anm. 102. Zu Tendenzen der Wieland-Rezeption allgemein: Manfred Fuhrmann, Nichts Neues unter der Sonne. Das Verdikt über Wieland und sein Bild der Antike, zuletzt in: M. F. (wie o. Anm. 29) 125 ff.

[112] Auffällt, dass Pierre Bayle (1647-1706) keinen Artikel "Aristophanes" hat, auch keinen Artikel "Sokrates"; beide sind mehrfach erwähnt, aber zu dem uns hier interessierenden Thema findet sich nichts, was, mit Sicherheit auch durch die vier Folianten umfassende deutsche Ausgabe, in Deutschland gewirkt hätte: P. B., Historisches und critisches Wörterbuch [...] deutsch von Johann Christoph Gottsched, Leipzig 1741-44 (Neudr. Hildesheim, New York 1974-78).

[113] Vgl. Werner 1998: 14 f., Vgl. o. Anm. 97.

[114] "Wer daher Sokrates, der längst ganz andere Wege [...] ging [als die der Naturphilosophie], schaden oder, wie die Komödie jedenfalls verspotten wollte ...": Platon, Werke. Übersetzung und Kommentar, hrsg. v. Ernst Heitsch und Carl Werner Müller, 12: Apologie des Sokrates, Göttingen 2002, 66.

[115] Wilamowitz, Die griechische Literatur des Altertums, in: Die griechische und lateinische Literatur und Sprache, Berlin, Leipzig 1905 (Die Kultur der Gegenwart I 8), 52.

[116] Christoph Martin Wieland mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 3., durchges. und erweit. Aufl. Reinbek 2003 (rowohlts monographien 50475) 135 Anm. 169. Wenn allerdings J. Rickes ihr dies aufmutzt (Wirkendes Wort 42, 1992, 507 ff. [513 Anm. 2]), so tut er dies im Glashaus sitzend: Schließlich hat Rowohlt seinen Sitz nicht in Rheinbek (507).

[117] Vgl. z. B. seine Anmerkung zu Aristophanes, Wolken 1367 (Attisches Museum 2, 1798, H. 2, 170). Entsprechendes ist für Wielands Shakespeare- Übersetzung festgestellt worden, s. etwa Eva Maria Inbar, Zur Funktion der Fußnoten in Wielands Shakespeare-Übersetzung, in: Literaturwiss. Jahrbuch N. F. 21, 1980, 57 ff.; H. Radspieler in Reemtsmas Xenophon-Ausgabe (o. Anm. 59) 270. Dieses interessante Phänomen ist nicht berücksichtigt in dem geistvollen Buch von Anthony Grafton, Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Berlin 1995.

[118] Dazu wie generell zu den geistesgeschichtlichen Voraussetzungen der Aristophanes-Verdeutschung s. die o. Anm. 44 und 58 genannten Publikationen. Vgl. ferner folgende Arbeiten von mir: Einleitung zu Aristophanes, Komödien in zwei Bänden, Weimar 1963 (Bibliothek der Antike, Griechische Reihe); Nachwort zu: Antike Komödien, Berlin und Weimar3 1987 (Bibliothek der Weltliteratur); Nachwort zu: Aristophanes, Die Wolken, Leipzig 1978 (Insel-Bücherei 623); Aristophanes, in: Die Großen der Weltgeschichte, hrsg. v. Kurt Faßmann, Walter Jens u. a., Zürich 1971, 591 ff. = Exempla historica [...], Griechische Dichter [...], Frankfurt a. M. 1985, 143 ff.

[119] Anmerkung zu "Sokratische Denkwürdigkeiten" (o. Anm. 59) 147.

[120] Hierzu verweise ich nachdrücklich auf den Essay von Reemtsma zu der o. Anm. 59 erwähnten Neuausgabe aller Wielandschen Xenophon- Übertragungen.

[121] Wieland, Einleitung und Grundriss des Panegyrikus, Attisches Museum I 1, 1 ff. = Bantel 338, Starnes 2, 497.

[122] Zitiert nach Hermann Funke, Arno Schmidt, in: Wieland und die Antike, wie o. Anm. 31: 23 ff. [29].

[123] Diese Formulierung benutzte Brecht im Hinblick auf seine Bearbeitung der Hölderlinschen "Antigone" im Vorwort dazu: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe 25, 75.

[124] Reemtsma, Sokratische Denkwürdigkeiten (o. Anm. 59) XLVIII.

[125] Karl Hoenn, Lukian. Parodien und Burlesken, Zürich 1948, XXXI (Brief an Ferdinand Huber vom 26. 10. 1787 = SNA 24, 169).

[126] Belege für diese und andere Verunglimpfungen bei Ruppel (o. Anm. 30) 27.

[127] Jakob Daniel Wegelin, Die letzten Gespräche Socratis und seiner Freunde, zitiert nach Starnes 1, 353, 402; 3, 171.

[128] Im einleitenden Essay seiner Xenophon-Ausgabe (o. Anm. 59) XXXIX.

[129] Starnes 2, 516.

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ISSN - 1512-1046 (print)
ISSN - 2346-8459 (online)